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„Nabucco“ wird geprobt

Kiel „Nabucco“ wird geprobt

„Du bist eine Sklavin – aber zugleich die Königin der Welt ...“: Olaf Strieb animiert Alessandra Gioia, Sängerin einer der allerschwierigsten Opernpartien überhaupt, zu einem Stolz, der später einmal weit herab vom Treppenturm über die ganze Fläche der riesigen Freilichtbühne bis in die hochgestaffelten Reihen der 1320 Plätze auf dem Rathausplatz ausstrahlen muss.

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Regisseur Olaf Strieb (vorne am Tisch und im kleinen Foto unten mit dem Bass Sergey Kovnir) kontrolliert in der Salzhalle auf dem Ostufer die Gesten von Gevorg Hakobyan in der Titelpartie – hier mit Fred Hoffmann als babylonischem Wächter Abdallo.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Die italienische Sopranistin singt zum ersten Mal die machtgeile Abigaille, die den babylonischen König Nebukadnezar in Giuseppe Verdis erster Erfolgsoper Nabucco ins Straucheln bringen wird. Auf der naturgemäß noch wenig atmosphärischen Probebühne der Neuen Salzhalle an der Schwentinemündung stützt sich Gioia mit breiter Armstellung aufs Geländer und schmettert gewaltige Töne: An dieser Frau wird niemand so leicht vorbeiagieren können, bis sie sich am Ende das Leben nimmt. Als sich Nabucco in frevelhafter Selbstüberschätzung vor ihr und Gott im Wahnsinn beugen muss, lässt der Gastregisseur sie huldvoll die Treppe herabschreiten und zwei, drei tänzerische Drehungen machen: „Fühle dich wie ein befreiter Schmetterling und singe innerlich den Song I feel pretty“, empfiehlt er seiner Abigaille lachend. Und schon hat ihr Siegesgefühl ein szenisches Profil. Wer das erleben möchte, muss sich langsam beeilen: Von den 10560 Plätzen sind nur noch 1900 zu haben.

 Strieb, im richtigen Leben Intendant der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, probt derzeit grobe Abläufe. Der erfahrene Freilichttheater-Regisseur ist sich sicher: „Bei den Auf- und Abtritten von 80 Choristen wird das noch lustig. Aber in meinem Kopf und in meinem Buch ist alles getaktet.“ Jeden Tag sitze er mit dem Klavierauszug auf den Knien und höre die CD, um das Timing für die langen Wege auszutesten. „Das muss man schon als Konstrukt am Schreibtisch vorher fertig haben, sonst wird das nichts.“

 Deshalb ist Strieb auch begeistert, als der Co-Regisseur der Sommeroper-Produktion, Jörg Diekneite, den Soldaten mimt und Cristina Melis als Gefangene Fenena genau passend zur Musiksequenz quer über die Bühnenbreite abführt: „Als hätte Verdi das für uns geschrieben!“ Damit schon hier realistisch eins ins andere greift, dirigiert Kiels zukünftiger Zweiter Kapellmeister Moritz Caffier die Szenen. Am Klavier imitiert Solorepetitorin Sunyeo Kim gewandt die Belcanto-Partitur und gibt den Sängern Tipps. Obwohl sein ukrainischer Bass maximal imposant durch die ehrfurchtgebietende Partie des hebräischen Hohepriesters Zaccaria strömt, ist beispielsweise Sergey Kovnir mit ein, zwei Stellen nicht zufrieden. Da können Fingerzeige auch am Rande einer primär szenischen Probe hilfreich sein.

 Olaf Strieb muss zwei Sängerbesetzungen ins Konzept einpassen, denn durch die eng disponierte Aufführungsserie zwischen dem 22. und 30. August kann etwa der armenische Bariton Gevork Hakobyan unmöglich achtmal die Titelpartie singen, auch wenn er in der Salzhalle zwischen dem typischen „Markieren“, also dem stimmschonenden Andeuten oder Oktavieren, immer mal explosiv die Gesangsmuskeln spielen lässt.

 Die Regie setzt ihn in die Spur, bereitet ihn darauf vor, wann sein Thron zusammenkracht oder später riesige Treppen mittels Motoren bewegt werden. Der Rest ist große Geste: „Man muss um ein Vielfaches größer denken, als für die reguläre Bühne“, so Strieb. Dennoch gibt es für den vom Schauspiel geprägten Regisseur Grenzen: „Was man unter dem großen pathetischen Operngestus versteht, das möchte ich meinen Lieben gerne austreiben. Ich möchte das eher naturalistisch angehen, natürlich und dabei – bösartig gesagt – niemanden beim Selbstdirigat erleben.“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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