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Alles deftig, aber gut

Nachwuchs-Comedian Chris Tall im Kieler Schloss Alles deftig, aber gut

Das Publikum im ausverkauften Kieler Schloss war schon Wachs in seinen Händen, als er noch gar nicht auf der Bühne stand: Chris Tall, der preisgekrönte Hamburger Nachwuchs-Comedian, moderierte seinen Auftritt aus dem Off an und reagierte auch ohne Sichtkontakt genauso spontan auf seine Fans wie im weiteren Verlauf seines Programms „Selfie von Mutti“.

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Ein Programm, maßgeschneidert für die Smartphone-Generation: Comedian Chris Tall im Schloss.

Quelle: mwe: Manuel Weber

Kiel. Umjubelt ist also der folgende Einlauf des Gladiatoren, der durch einen Auftritt bei Stefan Raabs TV Total seine Popularität enorm steigerte, aber auch für Diskussionen sorgte, weil er dort Witze über Behinderte, Schwule und Schwarze machte. Doch das thematisiert er später, zuerst kommt der klassische Kennlernteil mit den 1200 fast durchgehend jungen Zuschauern, um einen Startpunkt für die zahlreichen Running Gags über Lispelnde, Dicke oder Reflex-Klatscher zu haben.

 Der 25-Jährige nimmt sich allerdings selbst nicht von seinen Scherzen aus: „Ich weiß, dass ich fett bin“, meint Chris Tall und fügt an, dass er somit jedes Jahr einen runden Geburtstag feiere. Über Essgewohnheiten sowie Nahrungszubereitung durch Männer und Frauen und eine gelungene Mario-Barth-Parodie kommt er zum Besuch eines Schauspielcoachings bei einer ausgewiesenen Esoterikerin. So weit, so abgegrast. Aber der Hamburger nutzt den dünnen roten Faden seines Programms für den Publikumskontakt, hält die Stimmung und die Aufmerksamkeit damit geschickt hoch und schafft auch ruhige, geradezu andächtige Momente, in denen er das Mikro aufs Stativ steckt und von seiner just verstorbenen Uroma erzählt oder über das wahre Glück durch Freunde und Familie spricht.

 Im Angesicht der Smartphone-Generation kommt er natürlich auch auf die digital überforderten Eltern zu sprechen – so dürfte sein Vater mit dem Ausspruch „Ich habe alle Apps“ angesichts von Millionen solcher Anwendungsprogramme eine mehr als gewagte Behauptung aufgestellt haben.

 Der Diskussion um seine Scherze über Minderheiten, die ihm, neben viel Zustimmung von Seiten der Betroffenen, auch Rassismus-Vorwürfe einbrachten, widmet er einige Zeit. „Wir sind alle Menschen, wir sind alle gleich“ ist seine Kernaussage, und somit dürfe, wenn nicht sogar müsse man auch über alle Menschen Witze machen. Das schließt eine Rücksichtnahme oder persönliche Grenzziehung ja nicht aus. Und wer selbstironisch und schlagfertig wie der beleibte Zuschauer Robert darum bittet, den geschenkten Schlüsselanhänger seiner Frau zu geben, da diese alle Schlüssel habe und auch den Kühlschrank abschließe, zeigt, wie entspannt man mit dem Dasein umgehen kann.

 Mit Comedy-Haudegen Don Clarke hat Chris Tall am Vorabend bei einer Mixed-Show auf der Bühne gestanden und ihn zu einem Kurzauftritt eingeladen. Den nutzt der Brite mit gewohnt donnernder Stimme und guten Gags, um junge Fans zu generieren.

 Chris Tall zieht noch beliebte TV-Formate wie Schwiegertochter gesucht oder Shopping Queen umjubelt durch den Comedy-Kakao und genießt abschließend sichtlich die Standing Ovations des begeisterten Publikums, das auch bereitwillig fürs Facebook-Video eine „La Ola“ durchs Schloss wandern lässt. Die Scherzopfer werden beschenkt, alles deftig, aber gut.

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