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Nagano startet mit "Les Troyens"

Staatsoper Hamburg Nagano startet mit "Les Troyens"

Der neue Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper, Kent Nagano, startet seine erste Spielzeit mit Hector Berlioz' "Les Troyens" in der Regie von Michael Thalheimer.

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Georges Delnon (von links anch rechts), neuer Intendant der Staatsoper Hamburg; Kent Nagano, neuer Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, und John Neumeier, Ballettintendant und Chefchoreograph.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Hamburg. „Wie klingt Hamburg?“ Für Kent Nagano, ab August neuer Generalmusikdirektor in der Hansestadt, führt die Beantwortung dieser Kernfrage mitten hinein in die Programmplanung seiner ersten Saison. Der charismatische Dirigent, der zuletzt in gleicher Funktion die Bayerische Staatsoper in München prägte – künstlerisch keineswegs unumstritten –, hat ein Sabbatjahr genutzt, um Traditionsforschung zu betreiben. Im Nachklang der Gänsemarkt-Bürgeroper seit Telemanns Zeiten, mit der 1828 von Bürgern gegründeten Philharmonischen Gesellschaft im Rücken und in Ehrfurcht vor prägenden Persönlichkeiten wie Gustav Mahler möchte der 63-jährige Amerikaner sich würdig erweisen. „Wir brauchen aktuell relevante Inhalte, Identität und Originalität“, postuliert er und verspricht weite Ausstrahlung. Man werde bald registrieren: „Es tut sich was in der Musikwelt – und genau das tut sich in Hamburg!“

Das wird gern gehört in der Dammtorstraße, wo in den vergangenen zehn Jahren mit Simone Young eine starke Dirigentin in Personalunion eins war mit einer glücklos gefälligen Intendantin. Nagano aber fordert starke Persönlichkeiten an seiner Seite geradezu heraus. Mit Ballettchef John Neumeier, auch längst eine traditionsreiche Hamburger Figur, will er am 3. Juli 2016 Olivier Messiaens modern schillernde Turangalila-Symphonie als synästhetisches Gesamtkunstwerk auf der Bühne erstmals szenisch aufflammen lassen. Als berufener Messiaen-Jünger hat er im Dialog mit den Erben und dem Geist des Meisters für eine rechtliche Freigabe gesorgt.

Mit dem neuen Intendanten Georges Delnon, der Basel mehrfach zum „Opernhaus des Jahres“ machte, will Nagano die gesellschaftliche Relevanz der Opernproduktionen betonen. Deshalb lesen sich die Namen der geladenen Regisseure auch aufregender als in der Ära Young. Michael Thalheimer soll mit Nagano Les Troyens von Hector Berlioz herausbringen. Dieser spektakuläre Spielzeitauftakt tritt laut Delnon angesichts der schwelenden Flüchtlingsproblematik durch eine Open-Air-Liveübetragung bewusst „in Dialog mit der Stadt“ und wird am Eröffnungswochenende Mitte September gleich von Christoph Marthalers Nullstart-Utopie Isoldes Abendbrot in Deutscher Erstaufführung auf der Probebühne flankiert.

Die Freiheit des Einzelnen interessiert Delnon auch in Mozarts Figaro. Mit dem Norweger Stefan Herheim ist dafür zum 15. November ein besonders hintersinniger Regisseur geladen. „Sehr politisch“ schätzt der Intendant auch die Herangehensweise des Schauspiel-Shootingstars Roger Vontobel an Rossinis Wilhelm Tell (Premiere 6. März) ein. Und mit Naganos Uraufführung von Stilles Meer wird das heikle Thema Atomkatastrophe in Fukushima veropert. An der Komposition arbeitet der Japaner Toshio Hosokawa – dessen Musiktheater Matsukaze jetzt in Kiel herauskommt.

Während Strauss’ Daphne in Christof Loys vielgelobter Inszenierung aus Basel in den Norden übernommen wird (5. Juni 2016), schlägt sich Delnons „Neugier auf neue Formate“ in den Deichtorhallen nieder. Unter dem Stichwort La Passione, dem Dirigat von Nagano  und mit Ian Bostridge als Evangelist werden im Matthäus-Passion-Konzept von Romeo Castellucci christliche Werte zur Diskussion gestellt (21. April).

Das passt zu Neumeiers Wiederaufnahme seiner legendären Matthäus-Passion-Choreographie (24. April). Länger nicht zu sehen war auch seine Cinderella-Story nach Prokofjew, die das Eröffnungswochenende am 20. September komplettiert. Mit Musik von Pärt und Britten beleuchtet der auffällig aktive Ballettchef die charakterschwere Schauspielerin Eleonore Duse (Uraufführung am 6. Dezember). Für die Titelrolle lockt er Alessandra Ferri zurück ins Rampenlicht.

Das alles hat tatsächlich Chancen, im Sinne Delnons „nicht austauschbar“ zu wirken. Es fehlen zwar große Sängernamen, denn man setzt auf Ensemblegeist, doch soll hohe Qualität Maßstab sein, um mit dem Hamburger Gesamtklang aufhorchen zu lassen.

 

Buch-Tipp: Kent Nagano: Erwarten Sie Wunder! 320 Seiten, Berlin-Verlag, 22,90 Euro.

 

CD-Tipp: Beethovens Klavierkonzerte, Mari Kodama (Klavier), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano. Berlin Classics

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion