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Das Scholl-Experiment

Neue Salzhalle Das Scholl-Experiment

Wenn die eiskalten Eröffnungsakkordschläge durch die Neue Salzhalle auf dem Kieler Ostufer peitschen, ist dem Zuschauer schon längst großes Unbehagen unter die Haut gekrochen.

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Orchestermusiker und die Geschwister Scholl (Matthias Koziorowski , Rebekka Reister ,li.) vergewissern sich eines Kernsatzes.

Quelle: Martin Doerks

Kiel. Denn Nele Tippelmann, die Regisseurin von Udo Zimmermanns Kammeroper Weiße Rose, leitet uns durch einen Parcours der wahren und verfälschten Erinnerungen: Auf dem Boden liegen die berühmten Flugblätter, die das mutig widerständige Geschwisterpaar Scholl gegen den faschistischen Naziterror vom Lichthof-Balkon der Münchner Universität flattern ließen; auf zeichenhaft leeren Stühlen hängen Tagebuchnotizen und Erinnerungsfetzen von Freund und Feind; auf rollende Stellwände, die die Protagonisten später auch mal bedrohlich einkreisen werden, sind private Fotos der Verfolgten zwischen Parteitagsaufmärschen oder Diktatur-Schergen gepinnt; an der Wand kann man die perfide Volksgerichtshof-Anklageschrift zur Hinrichtung der „Wehrkraftzersetzer“ nachlesen; auf einem Tisch prangt die verräterische Schreibmaschine.

 Schaut man dann von der Zuschauergalerie, also unvermeidlich ein wenig „von oben herab“ und somit buchstäblich aus sicherer historischer Entfernung auf den anschaulich gemachten Taumel von Sophie und Hans Scholl durch ihr tödliches „Mut, Freiheit und Widerstand“-Experiment, ist die Wirkung trefflich diskussionswürdig. Gerade dafür erfindet Tippelmann einen schlagend griffigen szenischen Ausdrucksmoment: Im plötzlich innehaltenden Orchester bricht Streit darüber aus, was Udo Zimmermanns vielgespielte Musiktheater-Kantate von 1967/86 uns darüber heute noch zu sagen hat.

 „Viel!“, möchte man herunterrufen. Zivilcourage bleibt ein ewig brennend wichtiges Thema. Und dass es in diesem Fall gerade die jungen Musiker der Orchesterakademie am Theater Kiel sind, die Zimmermanns immer noch aggressiv modern wirkende Klangfolie wiedererwecken, so jung wie Sophie und Hans Scholl, fasziniert und fesselt zusätzlich. Zumal unter der hochgespannten Leitung von Leo Siberski hervorragend musiziert wird. Wie da Perkussives auf den Punkt kommt, bohrend Eindringliches mit zerbrechlich zarten Walzer-Rückblenden und erzählerisch starken Instrumentalsoli wechselt – etwa wenn der Flötist Sebastian Sprotte im weiten Raum spielend um die Geschwister schleicht – ist schlicht großartig.

 Optimal besetzt sind auch die beiden Gesangspartien. Rebekka Reister verleiht Sophie Scholl stimmlich die Flügel der Freiheit, lässt ihren resonanzreichen lyrischen Sopran blühen und lodern, verdichtet ihn vom instrumentalen Sirenengesang bis zum schmerzend spitzen Schrei. Mit jugendlicher Ausstrahlung schwebt sie durch die Reflektionen der viel zu kurzen Sophie-Biographie. Der Tenor Matthias Koziorowski hat es ohne Höhenexzesse etwas leichter, den Text verständlich zu machen. Von der säuselnden Selbstvergewisserung bis zum heldischen Aufbegehren erhält Hans Scholl durch ihn enorm starkes Profil.

 Im wahrsten Sinne nahegebracht werden die Figuren, schriftliche Details, Fotos und junge Gesichter aus dem Orchester durch geschickt eingesetzte Handkameras à la Dogma-Filmkunst (Flora Sasz und Viktor Lohrke). Leinwände, Überblendungen und geschickte Schnitte (Jean-Philippe Baumgarten) potenzieren damit die Betrachterperspektiven. Großartig beklemmend gelingt außerdem das Schlussbild, wenn die Partitur brutal auf einen Verschnitt eines Nazimarsches einschwenkt. Aber das soll hier nicht verraten sein – lieber die berechtigt große Begeisterung des Premierenpublikums.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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