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Warten auf den Eisvogel

Neuer KN-Roman Warten auf den Eisvogel

Ab Freitag startet in den Kieler Nachrichten/Segeberger Zeitung ein neuer Roman: Maxim Leos "Auentod". Im Interview spricht er über Krimis, polnische Klischees und große Schweiger.

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Faible für eigenwillige Charaktere: Maxim Leo.

Quelle: Sven Gerlich

Kiel. Kommissar Voss zeichnet sich durch ein eigenwilliges Naturell aus, und er ermittelt im tiefen Osten Deutschlands, im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Im zweiten Fall „Auentod“ verwickelt ihn Autor Maxim Leo, auch Reporter der Berliner Zeitung, in einen Fall von Autoschieberei mit hohem Verfolgungspotenzial. Ein Gespräch über Krimis, polnische Klischees und Vogelbeobachtung.

Mit Daniel Voss aus Sternekorp im Oderbruch haben Sie einen ziemlich untypischen Kommissar erfunden.

Ich wollte jemanden, der nicht so plakativ beschädigt ist wie im deutschen Fernsehen. Die müssen ja heutzutage mindestens Crack nehmen, ein Kind verloren haben oder Ähnliches. Ich wollte einen Mann, der halbwegs normal ist in seiner Wortkargheit und der Eigenbrötelei.

Und der zu Hause bei seiner Mutter wohnt, die eine Betreuerin aus Polen engagiert hat...

Stimmt: Ich wollte, dass Daniel Voss in seinem Kinderzimmer wohnt. Und dass eine junge Frau im Haus ist, die nicht in erster Linie auf ihn aus ist, sondern da eine Funktion hat. Voss selbst interessiert sich ja erst in dem Moment für diese Maja, in dem sie sich für seine Arbeit interessiert. Das ist die Art, in der er Beziehungen aufnimmt.

Ihr Held hat schon Probleme mit Frauen, oder?

In einer reibungslosen Beziehung kann man ihn sich jedenfalls nicht vorstellen. Das ist mir aber auch sympathisch, dass er Probleme hat mit seiner Männlichkeit. Dass er überhaupt nicht in der Lage ist, sich auf eine einigermaßen coole Art einer Frau zu nähern. Dass alles immer furchtbar ist, aber gleichzeitig auch schön.

Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter…

Auf die Ornithologie bin ich gekommen, weil sie seinem Charakter entspricht. Er spricht nicht gern, mag die Natur – und ähnlich wie bei der Vogelbeobachtung ist er auch in seinem Beruf darauf angewiesen, hinzuschauen und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Sind Sie auch Vogelbeobachter?

Nee, ich habe mich damit zwar beschäftigt, um meinen Kommissar zu verstehen – aber ich selbst bin dafür zu unruhig. Für Voss ist das eine Art Gehirnyoga, da mal drei Stunden zu stehen und auf den Eisvogel zu warten.

Wie hat es Sie und Voss eigentlich in die brandenburgische Wildnis im Oderbruch verschlagen?

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die an der Oder spielt. An diesem Grenzfluss, der immer etwas begrenzen sollte, was gar nicht zu begrenzen war. Die ganze blutige Geschichte ist heute in ein Naturschutzgebiet gemündet, in dem Daniel Voss Vögel beobachtet. Der Fluss sollte sich als roter Faden durch das Buch ziehen. Und weil wir in Brandenburg seit sieben Jahren ein Wochenendhaus haben, kenne ich die Leute in der Gegend ein bisschen – und ihre Geschichten.

Es geht in „Auentod“ auch um Klischees und deutsch-polnische Ansichten.

Auf der anderen Seite der Oder, da leben in der allgemeinen Wahrnehmung die Leute, die die Autos klauen und verschieben. Mit solchen Klischees spiele ich. Bei meinen Recherchen habe ich aber gemerkt, dass die Dinge längst anders liegen: Es sind die Polen, die auf der deutschen Seite die Häuser kaufen und renovieren, und die Deutschen gehen nach Polen zum Arbeiten. Ich habe festgestellt, dass es da genauso aussieht wie auf der Westseite – im Grunde ist Polen DDR, bloß ohne Solidarpakt, ohne Westgeld. Und diese Verlagerung des Ostens nach Osten oder die Verwestlichung des Ostens, die ist doch hochinteressant.

Vor diesem Hintergrund verwickeln sie Voss und Maja in die komplizierten Geschäfte einer Autoschieber-Mafia. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Das war eine Geschichte, die ich für die Zeitung geschrieben habe. Ich habe damals den Chef der Soko Grenze getroffen, war mit bei einer Razzia. Und habe viel erfahren über dieses Hase- und Igel-Spiel, das offenbar keiner gewinnen kann. Spannend fand ich außerdem, was diese Sparte des Verbrechens über Europa erzählt: Jede Nachfrage, jedes Angebot, das sich irgendwo ergibt, führt dazu, dass Waren und Menschen sich bestimmte Wege suchen. Die Schwarzmarktströme sind bloß nicht so sichtbar wie gegenwärtig die Flüchtlingsströme.

Haben Ihre Figuren eigentlich lebende Vorbilder?

Meine Lieblingsfigur in „Auentod“ ist Zydan, der verschwundene Autos sucht. Über so einen Privatdetektiv, der von den Versicherungen Prozente bekommt, wenn er die Autos zurückbringt, habe ich tatsächlich gelesen. Ein interessantes Geschäftsmodell, fand ich. Dazu habe ich mir diese Figur ausgedacht, die noch ein bisschen exzentrischer ist. Eine Art Cowboy, der wie ein Kopfgeldjäger durchs Land fährt.

„Waidmannstod“, der erste Fall, wird demnächst verfilmt – wen sehen Sie in der Rolle von Kommissar Voss?

Beim Schreiben hatte ich anfangs immer ein Foto von Tom Schilling stehen – der allerdings für die Rolle wohl zu jung wäre und vielleicht ein bisschen zu schmächtig. Aber so ähnlich habe ich ihn mir vorgestellt. Wenn eine Figur neu ist, dann brauche ich sowas, ein Porträt, um sie besser zu spüren. Auch für Zydan habe ich so einen Platzhalter gehabt, ein Foto aus der Zeitung.

Interview: Ruth Bender

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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