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Die Lerche und der Walzer

Neujahrskonzert Kiel Die Lerche und der Walzer

Gelungener Einstand vor begeistertem Publikum: Kiels neuer Erster Kapellmeister Daniel Carlberg konzipierte und dirigierte im gut besuchten Schloss ein stimmiges Neujahrskonzert der Philharmoniker rund um den Walzer in Europa. Brillante Akzente setzte dabei die Koloratursopranistin Hye Jung Lee.

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 Ergänzten sich perfekt: Koloratursopranistin Hye Jung Lee und Kiels souveräner neuer Erster Kapellmeister Daniel Carlberg.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Besser eine Lerche heute, als eine Nachtigall morgen, sagt man in Böhmen. Im Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker meinte man – lange vor Frühlingsbeginn – gleich beide gemeinsam singen zu hören. Die koreanische Koloratursopranistin Hye Jung Lee zwitscherte sich derart brillant, klanglich betörend und einnehmend fröhlich durch Gounods lebenslustigen Tanz von Romeos Juliette, durch die Frühlingsstimmen von Johann Strauß und hinein in die Busserl-Kreisel von Arditis Il Bacio, dass im Publikum die Begeisterung sofort überkochte. Tatsächlich reibt man sich immer wieder ein wenig erstaunt die Augen, dass diese ernsthafte Konkurrentin von senkrechtstartenden russischen Jungstars wie Olga Peretyatko  oder Julia Lezhneva derzeit im Kieler Opernensemble die Grundfesten ihrer Karriere austestet.

Dass die Stimme im eigentlich nicht sehr sängerfreundlichen Schloss-Saal so blendend zur Geltung kam, lag einerseits an ihrer eigenen Strahlkraft, andererseits aber am Einstandsdirigat des neuen Ersten Kapellmeisters Daniel Carlberg. Der aus Dessau in den Norden wechselnde Stellvertreter von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch bewies seine Fähigkeit, das Orchester aufgeräumt und punktgenau klingen zu lassen. „Delikat“ war dafür das absolut zutreffende Prädikat einer langjährig erfahrenen Konzert- und Opernbesucherin.

Carlberg strahlte balancierte Übersicht aus

Ob in Webers Aufforderung zum Tanz, Tschaikowskys Blumenwalzer oder dem Totentanz-Skelettgeklapper von Camille Saint-Saens’ Danse macabre (mit trefflich schauerlich-schönem Violinsolo von Konzertmeister Maximilian Lohse) – überall stimmte die Balance zwischen Bewegungslust, Pointensetzung und Detailschattierung.

Sibelius’ tief melancholischer Valse triste unterstrich dann die wache Bereitschaft der Musiker, dem Dirigenten mit Verzögerungen und abgesenkter Dynamik auch mal in brüchige Grenzbereiche zu folgen.

Carlbergs Konzept einer europäischen Schnitzeljagd nach den Folgeerscheinungen des Wiener Walzers mündete in beiden Konzerthälften – erhellend, aber auch ein wenig papieren selbst moderiert – in einen spieltechnischen Husarenritt: Sowohl Maurice Ravels La Valse als auch der raffinierte Walzersuite-Extrakt aus dem Rosenkavalier, den der altersweise Komponist Richard Strauss 1944 noch selber anfertigte, gelten als höllisch vertrackt. Doch obwohl ihm vermutlich für das Neujahrskonzert nicht allzu üppig Probenzeit zur Verfügung stand, strahlte Carlberg auch hier souveräne Übersicht aus.

Ein ganz neues Jahr hat begonnen

Ravels zwischen Impression und Expression changierendes Trümmerbild vergangener k.-u-k.-Selbstherrlichkeiten schälte sich atmosphärisch aus dem Klangnebel, um im Gas- und Pulverdampf des Ersten Weltkriegs wieder zu zerplatzen.

Strauss’ Weltabschiedserinnerungen an die eigenen Dreivierteltakt-Delirieren profitierte hörbar von der jahrelang unter GMD Fritzsch kultivierten Rosenkavalier-Kompetenz und ließ nur im Schlussteil gefährliche Fliehkräfte erahnen. Doch letztlich hatte Carlberg jeden Tempowechsel, jedes Überschäumen und Verdämmern im Griff.

Und wer da immer noch nicht begriffen hatte, dass auch in Kiel ein ganz neues Jahr begonnen wurde, der sah sich durch Strauß’ organisch an Lerchen und Nachtigallen vorüberfließende Schöne blaue Donau endgültig aufgeklärt.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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Theater Kiel
Foto: Der Dirigent Daniel Carlberg dirigiert das Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker

Bitte keine Schubladen: Der rasant sprechende und im Gespräch reich gestikulierende Dirigent Daniel Carlberg, der mit dem Neujahrskonzert sein Amt als Erster Kapellmeister und Stellvertretender Generalmusikdirektor am Theater Kiel antritt, bezeichnet sich als „musikalischen Allesfresser“.

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