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Neumeiers Kaleidoskop aus Klangsplittern

„Turangalila“ eröffnete die 42. Hamburger Ballett-Tage Neumeiers Kaleidoskop aus Klangsplittern

Mit einem Moment der Bedachtsamkeit und Stille beginnt John Neumeier seine Choreografie "Turangalila", die an der Hamburgischen Staatsoper die 42. Balletttage glanzvoll eröffnete. Noch bevor die Musik beginnt, bevor die Tänzer hereinschweben, manche sich aus den Orchesterreihen lösen und nach vorn auf die Bühne gleiten.

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Das Orchester als Mitspieler: Das funktioniert beim Hamburg Ballett, vorn die Solisten Edvin Revazov (l) und Christopher Evans.

Quelle: Markus Scholz

Hamburg. Ein kurzes Zögern, ein tastender Schritt und ein Hauch Mutwillen – dann ist die Grenze überschritten, steht der junge Mann im weißen Kreisrund auf der Bühne, lotet den Raum aus, seine Beschaffenheit und die eigene Dynamik darin. Arme streben fort, Beine biegen und entfalten sich, und der Körper spannt sich auf zwischen Himmel und Erde: Es ist eine Übung in Konzentration und Kontemplation, die Christopher Evans da zelebriert, und die Entdeckung der eigenen Körperdynamik.

 Olivier Messiaens gleichnamige, 1946 bis 1948 entstandene monumentale Sinfonie mit ihrer ausgefallenen Instrumentierung hat Hamburgs Ballettchef als Ausgangspunkt für sein neues Ballett genommen, das ganz ohne Libretto und Geschichte auskommt, dafür von der Assoziation und vom Zusammenspiel der Musik und des Tanzes lebt.

 Mit der Compagnie kommt Tempo ins Spiel – was der Titel aus dem Sanskrit ja ausdrückt. Flatternde Hände und Arme wie Vogelschwingen, vibrierende Beine und fantastische Höhenflüge setzt das Männerballett der Zeitlupenbewegung des Solisten entgegen. Ein bisschen Faun und ein bisschen Paradiesvogel. Dazu schwirren die Streicher, sirren Sphärenklänge, die Valérie Hartmann-Claverie an dem seltsamen „Ondes Martenot“ erzeugt, einer Art Synthie-Vorläufer, und das Klavier (Yejin Gil) fährt sich beharrlich im Dauerton fest. Eine kosmisch aufgeladene Musik, durch deren gewaltige Höhen und Tiefen GMD Kent Nagano Hamburgs Philharmoniker so energisch wie feinnervig steuert.

 Im Gegensatz von Langsamkeit und Tempo, Stille und Lärm, Fokussierung und Chaos entwickelt sich der Abend, an dem das Orchester seinen Platz nicht umsonst auf der vom Konzertsaal-Ambiente inspirierten Bühne (Heinrich Tröger) hat. Weil die diversen Schlagwerker Platz brauchen für ihr Gerät, aber auch, weil Musik und Tanz wirken wie unterschiedliche Materialisierungen ein und derselben Idee.

 Da findet der Minimal Sound im ruckenden Stillstand der Tänzer seinen Widerpart, trifft mechanische Präzision auf organischen Fluss und die Klangwucht auf tänzerische Leichtigkeit. Oder Neumeier fasst sie in überraschende Hebefiguren, in denen die Tänzer zu bizarren Traumwesen verschmelzen. Zusammengesetzt aus westöstlichen Motiven: hier indische Götterbilder, da die eckigen Posen der Antike. Ein roter Faden ergibt sich kaum, aber ein Rhythmus wiederkehrender Motive, die wie Refrains wirken. Etwa, wenn Hélène Bouchet und Carsten Jung als Wiedergänger mit hochkonzentrierten Pas de deux auftauchen: Da streben die Körper zu geometrischen Figuren auseinander, um sich wie im Baukasten wieder zusammenzusetzen, oder sich später fast verspielt mit kleinen Remplern gegenseitig in Schwingung zu versetzen. Oder Edvin Revazov, der als schwarzer Vogel einfliegt, während sich Mayo Arii im rechten Winkel in den Raum hängt. Das hat eine Klarheit, die die puristischen Kostüme von Designer Albert Kriemler (vom Schweizer Modelabel Akris) spiegeln.

 So fahren sie einander in die Parade, fächern sich in Gruppen und Muster, staffeln sich zu Schichten wie die Instrumentengruppen zum Klangbild. Und selbst wenn sich das hier und da mal zu erschöpfen droht – am Ende passt alles wieder zusammen, weil alles aus sich heraus zu entstehen scheint. Ein ewiges Probieren und Sortieren, das sich zu Umlaufbahnen rundet und auch als Metapher eines ewigen Kreislaufs lesen ließe. Oder einfach Bilder, die – imaginiert oder beobachtet – vorüberziehen an dem Weltenwanderer, den Christopher Evans so ungeheuer präsent zwischen mittendrin und außen vor flirren lässt. Ein Abend so wuchtig wie kontemplativ, an dem sich der 73-jährige Neumeier wieder einmal neu erfindet.

 Hamburgische Staatsoper. Vorstellungen: 5.+8. Juli, 20., 22., 29. Oktober. Kartentel. 040/35019658, www.hamburgballett.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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