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Drei Stunden Unbändigkeit

Nigel Kennedy beim SHMF Drei Stunden Unbändigkeit

„Wie kannst Du nach all dem Zeug noch so unfassbar gut aussehen?“, fragt Nigel Kennedy nach über drei Stunden mittelschwerem Konzertwahnsinn die blonde Petersburgerin in der Zweiten Violine. Sie ist Mitglied der willigen Russischen Kammerphilharmonie, die das allemal außergewöhnliche Vergnügen hat, im restlos ausverkauften Deutschen Haus Flensburg irgendwie den Fantasiesprüngen des britischen Megamusikers zu folgen.

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Der Violinstar Nigel Kennedy hat beispielsweise mit dem jungen Gitarristen Julian Buschberger wunderbare Mitstreiter.

Quelle: Axel Nickolaus

Flensburg. Der fast Sechzigjährige sieht im Schlabberlock und Turnschuhen schon gleich beim allerersten Auftritt herrlich abgerockt aus, will es aber in Sachen Bühnenperformance unbedingt noch mit aktuellen Rappern um die Zwanzig aufnehmen. Und seine Moderation ist so köstlich albern, dass er damit mühelos John Cleese von Monty Pyhton Konkurrenz machen könnte.

 Nigel Kennedy, erklärtermaßen selber sein eigener Lieblingskomponist, kichert sich an seine Dedication-Werke heran, die dem polnischen Jazzgitarristen Jarek Smietana, der amerikanischen Geigerlegende Isaac Stern oder dem Fiddler Mark O’Connor Denkmäler setzen. Heraus kommt dabei Musik, die die Welt nicht braucht, aber sehr gerne hört. Ein wildes Gemisch aus Standard-Attitüde, Minimal Music-Schleifen, Hingefetztem und barem Kitsch.

 Dass Kennedy sich nicht nur gerne auf ein Johan-Halvorsen-Duo-Duell mit dem leicht verschreckten, aber hoch musikalischen russischen Solo-Cellisten einlässt, sondern noch lieber seine engsten Musikerfreunde enthusiatisch vorstellt, hat gute Gründe. Der Kontrabassist Tomasz Kupiec, der Pianist Pawel Tomszewski und der Schlagzeuger Igor Krasovsky, besonders auch die beiden Gitarristen Julian Buschberger und Rolf Bussalb sind wunderbare Jamsession-Partner, die den Geiger heraus- und überfordern, dass es ein Vergnügen ist. Das gibt es klassischen Gypsy-Jazz im Geiste des Duos Stéphane Grappelli und Django Reinhardt aber auch ansatzweise härtere Fusion-Gangarten à la George Benson. Kennedy mag Jazz-Puristen in seinen Spielarten nicht genügend Freiheit mitbringen – doch wie er manche Blue Notes streut, Rhythmen aufnimmt und weitertreibt oder Songs betörend in höchsten Lagen himmelwärts entschwinden lässt, das hat schon was.

 Nach der Pause trimmt der Brite, der viel früher als seine Landsleute den persönlichen Brexit-Ausstieg ins polnische Herz Europas fand, Antonio Vivaldis Concerto-Tetralogie Die vier Jahreszeiten auf aufmüpfig ahistorisch. Da wird derartig mächtig gestampft und geschrammelt, dass Bogenhaare und Violinsaiten den Kürzeren ziehen. Der Geiger, der einst im Kieler Schloss unter Klaus Tennstedt eine der nach wie vor gültigsten Interpretationen von Beethovens Violinkonzert-Olymp einspielte, bleibt in den hochvirtuosen Soli rein technisch unter seinen Möglichkeiten. Vivaldi-Anforderungen, die er mit dem English Chamber Orchestra einst eindrucksvoll erfüllt hat und deren Tonträger-Beleg immer noch als das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten gilt. Doch sind es die kleinen Überraschungseffekte – hier mal etwas Gequietsche à la Jimi Hendrix dort Wendungen von inniger Schönheit –, die das irritierte Ohr wieder gnädig stimmen und wach halten. Wenn der Unbändige dann als Zugabe irische Folksongs zelebriert oder sich selber völlig entrückt in eine Bachsche Sarabande hineinfindet und -steigert, ist das Publikum vollkommen gebannt – bevor es wieder ausflippt.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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