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Sonnenaufgang ganz ohne Kitsch

Nils Wülker im Kulturforum Sonnenaufgang ganz ohne Kitsch

Nils Wülker zeigte im Kieler Kulturforum seine außergewöhnlichen Songwriting-Qualitäten.

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Nils Wülker musizierte im Kulturforum genauso klar wie raffiniert.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Jetlagbedingt keinen Schlaf zu finden und deshalb in einem kleinen Studio über den kalifornischen Hollywood Hills mit Blick auf den Pazifik gegen die Zeitverschiebung anzukomponieren, sorgt im nahezu ausverkauften Kulturforum für eher gemäßigte Mitleidsbekundungen.

Besonders wenn es so paradiesisch klingt wie bei Dawn, in dem Nils Wülker mit zart gehauchtem, nachtverhangenem Flügelhornschmelz den Sonnenaufgang überm Ozean beschreibt und ohne Kitsch, aber mit viel Gefühl warme, weich-wattierte, merkwürdig moll-glückliche Töne in die Kompositionen strömen lässt wie die goldene Morgensonne ihre Strahlen über den Pazifik, während die Band noch schläfrig nach den schwindenden Sternen tastet. Oder wenn der Hamburger Jazz-Trompeter im tiefen Kopfnicker-Groove lässig über die Bridges der Stadt schlendert. Beide Stücke stammen von Up, seinem achten, mit dem German Jazz Award Gold ausgezeichneten Album.

 Ein Album, das einmal mehr jene selbsternannten Bewahrer der reinen Jazz-Lehre auf den Plan ruft, die dem Echo-Preisräger 2013 allzu viel Anbiederung an den pophungrigen Massengeschmack vorwerfen. Natürlich zu unrecht, auch wenn Gastsänger(chen) wie Max Mutzke oder Xavier Naidoo wirklich keine gute Wahl waren. In Wülkers Jazz standen die Türen für populäre Stile wie Indie-Rock, Soul, Pop und Funk schon immer sperrangelweit auf. Das gilt für sanfte, balladeske Kompositionen und zart beflügelte, schwelgerische Midtempo-Träumereien genauso wie für Groove orientierte Uptempo-Nummern, beispielsweise das Indierock-hafte, von einem verehrungswürdig beckenlosen Schlagzeugsolo aufgerührten A Fine Line, das P-Funk-Disco’eske Keeps On Walking oder das entspannt souleske, ungemein elegante Homeless Diamond.

 Die Songhaftigkeit der Kompositionen nährt den Gefälligkeitsverdacht, ist aber letztlich doch nur ein Zeichen der besonderen Songwriting-Qualitäten von Nils Wülker. Der Sound ist organisch und voluminös, wundervoll in die Arrangements verwoben und dabei immer wendig und vital. Raffiniert verzahnen sich Komposition und Improvisation, die immer erkennbar bleiben, aber stets über die Qualität, Organisiertheit und Effektivität eines notierten Features verfügen. Auch wenn die Songs in ihrer Leichtigkeit sehr zugänglich sind, die chronisch dümmliche gute Laune des Pop befällt sie niemals. Dafür sind Wülkers Songs trotz aller Klarheit, Direktheit und Unverstelltheit einfach zu raffiniert.

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