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Flucht und Leidenschaft

Nina Hoger Flucht und Leidenschaft

Große Bühne für Nina Hoger. Die vor allem aus dem Fernsehen bekannte Schauspielerin tut es ihrer Mutter gleich und tourt mit einer Auswahl literarischer Texte durch die Lande – am Donnerstag vor ordentlich gefülltem Saal im Schauspielhaus.

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Im Beziehungsdschungel: Nina Hoger und das Ensemble Noisten.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Während Hannelore Hoger bei ihren Lesungen von Solopianist Siegfried Gerlich begleitet wird, hat die Tochter das vierköpfige Ensemble Noisten dabei. Paare heißt das Bühnenprogramm – bereits das zweite gemeinsame Projekt, das die Wahl-Berlinerin mit dem Quartett erarbeitet hat, das für seine an Klezmer angelehnte Musik aus arabischen, spanischen und tamilischen Elementen bekannt ist.

Das Ensemble hat das erste Wort. Atmosphärisch sind die Kompositionen, die mit wechselnden Soli für Klarinette und Kontrabass, Bouzouki und diversen Schlaginstrumenten den Hauch einer Exotik in den Saal zaubern, die sich in den vorgelesenen Texten allerdings kaum spiegelt.

Nina Hoger ist hier noch Teil des Publikums. Bescheiden sitzt sie am linken Bühnenrand hinter ihrem kleinen Lesetisch, konzentriert lauschend und dabei auf sympathische Weise entspannt. Vor ihren Rezitationen macht sie keine großen Worte. Schnörkellos nennt sie Titel und Autor der Kurzgeschichten, deren Figuren sie dann mit ihrer warmen, einfühlsamen Stimme lebendig werden lässt.

Bunt ist die Auswahl, die die 54-Jährige getroffen hat. Von Klassikern wie Wolfgang Borchert bis zu sehr heutigen Autorinnen wie Isabel Allende und Sibylle Berg reicht die Palette, und jeder Text beleuchtet eine andere Facette des schier unerschöpflichen Themas. Dabei kommen sowohl Männer als auch Frauen zu Wort. Sie erzählen von leidenschaftlicher Liebe und nicht minder leidenschaftlichem Hass sowie von großen und kleinen Fluchten aus Beziehungen, die manchmal überschätzt und manchmal die Hölle sind.

Herrlich schräg ist die Geschichte Der Traum von Somerset Maugham. Sie handelt von einem Mann, der einer Zufallsbekanntschaft unaufgefordert das Drama seiner Ehe schildert, die mit dem gewaltsamen Tod der krankhaft eifersüchtigen Gattin ihr abruptes Ende fand. Ist der Erzähler ein geständiger Mörder? Einen ganz anderen Ton stimmt Anna Gavalda an. In Dieser Mann und diese Frau beschreibt sie ein neureiches, kinderloses Paar. Beide haben sich in einer oberflächlichen Sattheit eingerichtet und realisieren kaum, dass sie längst genug voneinander haben.

Ironie blitzt auf in Allendes Text über die aphrodisierenden Wirkung von Trüffeln, achselzuckende Resignation steht am Ende von Clarice Lispectors Flucht, wenn einer Ehefrau eine Nacht im Regen ausreicht, um den Entschluss, ihren Mann zu verlassen, zu verwerfen. Und zwischen den Lesungen greift die Musik Stimmen und Stimmungen auf. Ein gelungenes Gesamtpaket.

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