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So schön kann Scheitern sein

Nora Jacobs' charmantes Experiment im Werftparktheater So schön kann Scheitern sein

Scheitern kann so schön sein. Zumindest wenn Nora Jacobs es in bühnentaugliche Bilder umsetzt. „Das ABC des Scheiterns“ nennt sie ihr überaus charmant geratenes Experiment zwischen Performance und Theaterstück, das vom Premierenpublikum im Werftparktheater mit anhaltendem Applaus gebührend gefeiert wurde.

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Nora und Siegfried Jacobs agieren zwischen Performance und Theaterstück.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. In über 20 kurzen Szenen lotet die Performance-Künstlerin und Regisseurin mit Wohnsitz in Wien die Möglichkeiten des Scheiterns aus. Und die sind wahrlich vielfältig. Wunderbar unterstützt wird sie dabei von ihrem Vater Siegfried, seit 1989 Mitglied des Kieler Schauspielensembles, der wie sie jede Szene in einem anderen, meist mit tierischen Versatzstücken kombinierten Kostüm bestreitet. Derartig absurd gewandet geben beide Einblicke in persönliche und andere Pleiten von missratenen ersten Auftritten (Siegfried) oder unglücklich verlaufenen Affären (Nora), von Selbstüberschätzung oder leidvoll erfahrener Ablehnung. All diese kleinen privaten Desaster haben großen Wiedererkennungswert – und lassen sich im Bärenkostüm mit Hirschgeweih leichter erzählen als im seriösen Outfit.

 Die Dramaturgie des Abends spielt mit Theatereffekten und schürt große Erwartungen, die allesamt grandios versanden. So verhallen spannungssteigernde Trommelwirbel, ohne dass etwas geschieht, ein irrlichternder Suchscheinwerfer findet kein Ziel. Dem Publikum wird dabei eine gewisse Einsatzfreude abverlangt, unter anderem wenn Siegfried zwecks persönlicher Traumaverarbeitung zu lauten Missfallensäußerungen ermuntert. Er kann weniger gut Klavierspielen (und tut es ausdauernd), glänzt dafür aber mit zierlichen Trippelschrittchen als summendes, kreiselndes Insekt. Nora stellt neben pantomimischem Talent eine beneidenswerte Beweglichkeit unter Beweis. Kein Wunder, denn wie ihr Vater ist sie im Grunde Super(wo)man, wie das Grundkostüm unter den in langen, mit vernehmbaren Ächzen aus dem Off untermalten Umziehpausen signalisiert.

 Unglaublich ist die Bühnenpräsenz der 32-Jährigen, egal ob sie als Darth Vader mit Hasenkopf gegen den Kunstbetrieb wettert oder verkleidet als Erdbeere minutenlang täuschend echte Sturmgeräusche fabriziert, während ihr Vater die Erinnerung an einen abenteuerlichen Segeltörn heraufbeschwört. Bisweilen blitzen hinter der vordergründigen Lustigkeit kleine Tragödien auf, etwa wenn sie im Prinzessinnenkleid mit kindlichem Trotz und rosa Schweinerüssel im Gesicht stockend einen altertümlich gefassten Text vorliest, der vom Kampf des Teenagers mit überflüssigen Pfunden und der Angst erzählt, nicht zu genügen. Mit einem optischen Knalleffekt, der natürlich sang- und klanglos verpufft, endet das Spektakel. Scheitern kann so schön sein.

 Theater im Werftpark, Weitere Vorstellungen: 3., 4., 10., 11. Juni. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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