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Märchenland im Schock-Zustand

250 Künstler aus 50 Ländern auf der Nordart Märchenland im Schock-Zustand

Der Ausstellungskatalog ist so dick wie das Kieler Telefonbuch, entsprechend gigantisch die Zahl der Exponate: groß, größer, Nordart. Die Schau, die den Blick weit über den regionalen Tellerrand nach Asien sowie in die baltischen und slawischen Länder lenkt und in diesem Jahr unter anderem die Mongolei mit 17 Künstlern präsentiert, hat sich europaweit zu einer der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gemausert.

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Installationen aus aller Welt

Dialog zwischen Malerei und Skulptur: Porträts von Till Freiwald flankieren die Installation „Zu neuen Ufern“ von Ute Lechner und Hand Thurner.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Büdelsdorf. In der nunmehr 18. Auflage zeigen 250 Künstler aus 50 Ländern ihre Arbeiten in den Weiten der historischen Eisengießerei, in der vergleichsweise beschaulichen Wagenremise und dem 80000 Quadratmeter großen Skulpturenpark dazwischen.

Das sind die Bilder zur Eröffnung der Nordart.

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 „Man muss nicht den Anspruch haben, alles zu sehen“, sagt Inga Aru, neben Wolfgang Gramm Co-Kuratorin der Megaschau in Büdelsdorf. Wie immer sind die Besucher daher eingeladen, sich den Weg durch das mit Sinn für Pathos und effektvolle Sichtachsen eingerichtete Labyrinth aus Skulpturen, Bildern und Installationen selbst zu suchen. Wer genau hinschaut, kann dabei kulturelle Eigenarten oder Schnittpunkte entdecken. „Die Ausstellung lebt von den Blickwinkeln und den künstlerischen Dialogen“, so Aru. „Man wandert durch die Welt der Kunst und jeder findet seinen eigenen roten Faden.“

 Also lässt man sich treiben durch die mit 22000 Quadratmetern Grundfläche wahrlich imposante Industriehalle, vor der zwei fragend gen Himmel blickende Affenmenschen von Liu Ruowang postiert sind. Mit den archaischen, dreieinhalb Meter hohen Riesen will der Chinese einen Kommentar zur Weltlage abgeben – im Park hat er eine ganze Armee dieser Spezies unter dem Titel Original Sin aufgebaut. Liu Ruowang ist Schwerpunkt-Künstler der diesjährigen Nordart und darf deshalb ein riesiges Areal bespielen. Hörbar knirscht der Kies unter den Schritten des Besuchers, der Lius martialische Installation Wolves Coming durchstreift. Die raumgreifende Arbeit aus 110 lebensgroßen, gusseisernen Wölfen, die geifernd einen mutigen Krieger umzingeln, gibt inhaltliche Rätsel auf.

 Eine ganz andere Atmosphäre herrscht nebenan im Pavillon, der den aktuellen Länderschwerpunkt Israel beherbergt. Unter dem Titel The Circle of Life reflektieren 28 Künstler in Bildern, Installationen und Skulpturen auf differenzierte und meist filigrane Weise private und nationale Geschichte(n). Mit Klebeband „gezeichnet“ ist eine floral anmutende Arbeit von Rotem Ritov, fragile Fossilien aus Porzellan stammen von Inbar Frim, die Sprache des Materials erkundet Avital Cnaani in ihren abstrakten Wandobjekten.

 Vom Pavillon aus wird der Blick angezogen von zart „gewebten“ Skulpturen, gelötet aus unzähligen Metallringen von Jang Yongsun, Träger des Publikumspreises 2015. Auch andere, denen die – wie jedes Jahr von Hans-Julius Ahlmann und seiner Frau Johanna gestifteten – Preise der Nordart 2014 und 2015 zuerkannt wurden, sind mit neuen Arbeiten vertreten. Darunter die russische Künstlergruppe AES+F mit einer meterhohen Skulptur aus Fiberglas, die eine kindliche Reiterin auf einem T-Rex zeigt.

 Skulpturen sind überall Blickfang – auch wegen ihrer Größe. Prominent vertreten ist der Tscheche David Černý. Seine Skulpturen aus Edelstahl könnten in Science-Fiction-Filmen mitspielen und sind ähnlich dramatisch inszeniert wie der überirdisch schimmernde Fall des Ikarus von Alena Kogan, der auch ein dekoratives Bühnenbild abgeben könnte. Woanders bilden archaisch anmutende Holzboote von Ute Lechner und Hannes Thurner einen schönen Kontrast zu luftig aus Draht gewebten Figuren, die Veronika Psotková wie Kunstturner auf eine Leine gehängt hat. Dazwischen ist überall Raum für Malerei und Fotografie – gegenständliche, abstrakte oder experimentelle, teils präsentiert in eigens geschaffenen White-Cubes, teils im Dialog mit den Großskulpturen.

 Unter den zahlreichen figurativen Arbeiten finden sich auffallend viele surreale, verstörende Motive mit apokalyptischen Visionen. Das gilt auch für die intimer gehaltene Präsentation in der Wagenremise, die Raum für kleinere Formate bietet und vornehmlich mit Exponaten europäischer Künstler bestückt ist. Da tummeln sich puppenartige Figuren in grellbunten Farben vor bedrohlich herannahenden Kühlergrills, surreale Kampfszenen wechseln mit niedlich inszenierten Kinderbildern, deren Protagonisten Gasmasken tragen. Verbirgt sich hier vielleicht ein roter Faden? Das Kuratoren-Team hat für diesen Teil der Nordart 2016 jedenfalls einen internen Titel gefunden, den Inga Aru schmunzelnd verrät: „Märchenland im Schockzustand“.

Nordart-Infos:

Eröffnung Sonnabend, 17 Uhr. Bis 9. Oktober

 Länderschwerpunkt: Israel

 Schwerpunktkünstler: Liu Ruowang

 Öffnungszeiten Di-So 11-19 Uhr.

 Tageskarte 12 Euro, weitere Konditionen unter www.nordart.de/besucherinfo.html

 Führungen: Sa 11 und 13 Uhr, So 13 Uhr. Dauer: 1,5 Std. Kosten pro Person 8,50 Euro+Eintritt.

 Katalog dt/engl, 288 Seiten, 25 Euro

 Ausstellungscafé Alte Meierei Di -So 12-19 Uhr

 Veranstaltungen im Rahmen der NordArt: http.//www. kunstwerk-carlshuette. de/veranstaltungen html

 Information und Buchungen: www.nordart.de, Tel 04331/ 345 695, info@kunstwerk-carlshuette.de

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