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Der Tod in tragenden Rollen

Nordische Filmtage Der Tod in tragenden Rollen

Norddeutscher Film findet überall statt. Von Lutterbek über Ecuador, Brasilien oder Brüssel sind die geografischen Ansiedelungen der norddeutschen Filme auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck breit gefächert. Kein Wunder bei insgesamt 44 dort laufenden Produktionen.

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Neben Charakterporträt und Beziehungsgeschichte auch ein Plädoyer für Sterbehilfe: Szene aus „In Deinen Armen“ mit Maria (Lisa Carlehed) und Niels (Peter Plaugborg).

Quelle: Nordische Filmtage

Lübeck. Norddeutscher Film spielt auf der Hallig, in Hamburg oder im 350-Einwohner-Dorf Lutterbek statt, aber auch in Ecuador, Brasilien oder Brüssel. In der belgischen Hauptstadt etwa siedelt Mike van Diem, Oscar-Preisträger aus den Niederlanden, seinen grotesk-komischen Spielfilm Die Überraschung an. Die rasante und zugleich zauberhaft romantische Neuauflage des Themas I hired a contract killer ist am Freitagabend bei den Nordischen Filmtagen Lübeck im Filmforum zu sehen. Mit insgesamt 44 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen lässt die norddeutsche Programmsparte des Festivals den Blick weit schweifen – thematisch wie geografisch.

Internationale Koproduktionen wie van Diems schwarze Komödie, die in vier europäischen Ländern realisiert und gefördert wurde (darunter von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein), sind in anderen Sektionen wie dem Spielfilm-Wettbewerb nicht erst neuerdings die Regel und auch im Filmforum längst keine Ausnahme mehr. Eine Tatsache, die zwar nicht zuletzt finanziellen Notwendigkeiten geschuldet ist, aber auch inhaltlich heutige Realitäten mit Mobilität und Mehrsprachigkeit als prägende Faktoren abbildet. Dass der Tod nicht nur in Die Überraschung eine tragende Rolle spielt, kann dabei kaum verwundern – schließlich ist das Thema in umfassender Weise grenzüberschreitend relevant.

Der Tod als ständiger Begleiter

Anders als der Protagonist in van Diems Film, der seinen Tod beauftragt und ihm dann unbedingt entkommen will, zieht der sterbenskranke Niels im Langfilmdebüt des in Frankreich geborenen, in Dänemark lebenden Samanou A. Sahlstrøm seinen Entschluss kompromisslos durch. Als sein Selbsttötungsversuch im Heim in Kopenhagen scheitert, erklärt die Krankenschwester Maria sich bereit, mit ihm in die Schweiz zu fahren, wo Niels beim selbstbestimmten Sterben geholfen werden darf. Die Zugreise führt über Hamburg, dort hat Niels einen Sohn, zu dem er nie Kontakt hatte. In Deinen Armen lief am ersten Lübecker Festivaltag, ein stark inszeniertes, brillant gespieltes psychologisches Drama, das nichts verklärt oder beschönigt, am wenigsten seine Hauptfiguren. Niels (Peter Plaugborg, in Lübeck auch als Der Idealist im Wettbewerb um den NDR-Filmpreis zu sehen) stößt mit seiner harschen Ich-Bezogenheit ab, bei Maria (Lisa Carlehed) ist es die Kombination aus Einsamkeit, seelischer Verkrüppelung und Helfersyndrom, die schwer zu ertragen, aber unbedingt sehenswert ist. Neben Charakterporträt und Beziehungsgeschichte gerät In Deinen Armen auch zum Plädoyer für Sterbehilfe – am gleichen Tag stimmen in Berlin die Abgeordneten des Bundestages über mögliche gesetzliche Neuregelungen in Deutschland ab.

Im Straßenverkehr entscheidet schon der Bruchteil einer Sekunde über Leben und Tod. Tragischer Ausgangspunkt der Handlung in Siebenundachtzig, einem Spielfilm, der von dem Hamburger Produzenten Dirk Manthey in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, realisiert wurde. Drei Jugendliche schlagen sich mit den Zumutungen des Erwachsenwerdens herum, als ein Unfall einen von ihnen tötet und einen anderen aus dem Land treibt, in das er erst 15 Jahre später zurückkehrt. Interessant ist die Erzählstruktur mit ihrer Gegenüberstellung der Jahre 1987/2002 in Südamerika.

Auch Südamerika ist gut vertreten

Auf den gleichen Kontinent verschlägt es Edgar Selge als kauziger Musiklehrer in Bach in Brazil (Sonnabend, 16.15 Uhr). Der Grund: unerwartetes Ableben und eine damit verbundene Erbschaft… Dass der Tod als Thema im Filmforum auch dokumentarisch präsent ist, dafür sorgen Gisela Tuchtenhagen und Margot Neubert-Maric; die Regisseurinnen aus Schleswig-Holstein lassen plattdeutsche Küstenmenschen in Utbüxen kann keeneen – Weglaufen kann keiner (So, 13.15 Uhr) von ihren Erfahrungen als Sargtischler, Bestatter oder Hebamme erzählen.

Zur Klarstellung: Natürlich finden sich auch zahlreiche dem Leben vollständig zugewandte Produktionen in dem Programm, das Doris Bandhold in ihrem sechsten Jahr bei den Filmtagen zusammengestellt hat und griffig als „bodenständig weltgewandt“ charakterisiert. Zum Beispiel das im Rahmen der neuen Nachwuchsreihe „Nordlichter“ von NDR, Filmförderung HH-SH und Nordmedia entstandene Debüt der Schweizerin Viviane Andereggen mit dem Neugier erweckenden Titel Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut. Die Begegnung mit einer schönen Rabbinerin ändert bei dem 13-jährigen Sohn deutsch-jüdischer Eltern seine Einstellung zur Beschneidung und lässt ihn zu radikalen Maßnahmen greifen. Das ist fröhlich, aber auch etwas bemüht in Szene gesetzt – zu sehen am Sonnabend (13.15 Uhr) in Lübeck sowie am 19. November um 22 Uhr im NDR-Fernsehen.

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Es ist ein einsames Leben in Islands rauem Westen, wo Gummi und Kiddi ihre Schafe halten. Robuste wollige Gesellen, die ihren eigenen Kopf haben, und denen die Brüder mit Vollbart und Wallemähne gar nicht unähnlich sehen. Sture Böcke eben – wie es der Titel des Eröffnungsfilms der Nordischen Filmtage Lübeck verheißt.

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