23 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Islands rauer Westen zum Start

Nordische Filmtage Islands rauer Westen zum Start

Es ist ein einsames Leben in Islands rauem Westen, wo Gummi und Kiddi ihre Schafe halten. Robuste wollige Gesellen, die ihren eigenen Kopf haben, und denen die Brüder mit Vollbart und Wallemähne gar nicht unähnlich sehen. Sture Böcke eben – wie es der Titel des Eröffnungsfilms der Nordischen Filmtage Lübeck verheißt.

Voriger Artikel
„My Fair Lady“: Vom Charme der Schnauze
Nächster Artikel
Sumpf ist Trumpf

Preisgekrönte Schafböcke aus Island zum Auftakt der Nordischen Filmtage Lübeck: Szene aus „Sture Böcke“

Quelle: Arsenal

Lübeck. Der ging am Mittwoch in Anwesenheit der beiden Hauptdarsteller Sigurdur Sigurjonsson und Theodór Júliusson über die Leinwand, während Regisseur Grimur Hárkonarson seinen nicht nur in Cannes preisgekrönten Film gerade in Los Angeles den Oscar-Juroren vorstellt. Ein starker Auftakt, den sich auch Kulturministerin Anke Spoorendonk und Islands Botschafter Gunnar Snorri Gunnarsson nicht entgehen ließen.

„Die Schafe waren ein aufwendiges Casting“, erzählte Produzent Grimar Jonsson, „bei dem wir festgestellt haben, dass sie alle ihren Besitzern ähneln“. So stehen Hárkonarsons knorrige Helden ihren Tieren auch in Sachen Sturheit in nichts nach: Seit 40 Jahren leben sie nebeneinander her, ohne ein Wort gewechselt zu haben. Und wenn es gar nicht anders geht, dann transportiert Hirtenhund Sumi knappe Briefe hin und her.

Raue und brüchige Idylle

Ausgangspunkt für ein Drama, das so skurril beginnt, wie sich das gehört für die Geschichten von der Insel im Nordmeer, wo 320000 Menschen 800000 Schafen gegenüber stehen. Mit einer rauen brüchigen Idylle, in der man vor allem Gummi sieht bei seinen täglichen Verrichtungen: Schafe versorgen, Nägel schneiden, Mahlzeiten bereiten, zu Bett gehen. Das Gleichmaß schlichter Alltäglichkeiten, in deren sorgsamer Betrachtung sich die Einsamkeit abbildet, nicht weit entfernt von Bent Hamers stiller Filmsprache und seinen wortkargen Helden.

Aber da ist noch etwas anderes im Spiel, ein Belauern und Spionieren, eine brodelnde Heimlichkeit zwischen den Brüdern, die Regisseur Hákonarson auf Spannung bringt wie im Krimi. Die nicht vorhandene Kommunikation bedeutet ja nicht, dass man sich nicht beachtet. Und als Gummi an Kiddis just preisgekröntem Schafbock Anzeichen für die Tierseuche BSE entdeckt, gerät das Leben der Bauern im Tal aus der Spur, fällt ein Schuss, droht der in Sprachlosigkeit eingespielte Bruderzwist zu eskalieren.

Dokumentieren mit trockenem Humor

Grimur Hákornarson bleibt in seinem rauen Wintermärchen, das im Dezember in den deutschen Kinos anläuft, nah am Dokumentarfilm, mit dem der Isländer seine Filmkarriere begonnen hat. Er beobachtet einfach, erzählt mit trockenem Humor, lässt die Kamera von Sturla Grövlen über die grandiosen Phänomene von Landschaft und Wetter streifen, die Physiognomien von Männern und Schafen erkunden oder im scharfen Zoom die Innenräume verengen. Und neben dem warmherzigen Altmänner-Porträt eröffnet sich so eine bedrohte ländliche Welt, die ohne die Tiere ihr Leben verliert.

Nicht nur Gummi und Kiddi sind ihre Schafe näher als die paar Menschen, die sich im Dorf ab und zu treffen. Und die plötzlich in Gestalt des Beamten, der Tierärztin, des Desinfektors auf seinem Hof stehen – als Nebenerscheinungen beim Versuch, die Ausbreitung der Seuche im Tal zu verhindern. Und so allmählich wie unvermeidlich driftet die einfache Geschichte in die Dimensionen einer altisländischen Saga, in der die Schafe zur Frage von Leben und Tod werden: archaisch, menschlich, tragisch und von elementarer Kraft.

Nordische Filmtage Lübeck. Bis Sonntag, 8. November, stehen über 180 Filme auf dem Programm: www.filmtage.luebeck.de 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Nordische Filmtage
Foto: Neben Charakterporträt und Beziehungsgeschichte auch ein Plädoyer für Sterbehilfe: Szene aus „In Deinen Armen“ mit Maria (Lisa Carlehed) und Niels (Peter Plaugborg).

Norddeutscher Film findet überall statt. Von Lutterbek über Ecuador, Brasilien oder Brüssel sind die geografischen Ansiedelungen der norddeutschen Filme auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck breit gefächert. Kein Wunder bei insgesamt 44 dort laufenden Produktionen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3