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Lauter eigenwillige Charaktere in Lübeck

Nordische Filmtage Lauter eigenwillige Charaktere in Lübeck

Die 57. Nordischen Filmtage in Lübeck eröffnen am Mittwoch mit dem isländischen Drama Sture Böcke. Über 180 Filme stehen bis Sonntag auf dem Programm – ein Gespräch mit der künstlerischen Direktorin Linde Fröhlich über die Stärke des skandinavischen Kinos.

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"Ich freue mich, wenn es endlich losgeht", sagt die künstlerische Leiterin Linde Fröhlich.

Quelle: Sabine Spatzek

Lübeck. Frage: Sie sind schon sehr lange bei den Nordischen Filmtagen. Hat man mit so viel Erfahrung und Routine noch Lampenfieber?

 Lampenfieber nicht. Aber ein bisschen angespannt und aufgeregt bin ich schon. Ich freue mich, wenn es endlich losgeht. Schließlich habe ich ein Jahr für das diesjährige Festival gearbeitet. Jetzt hoffe ich, dass das Publikum und die Presse die Filme mögen, die ich selbst toll finde, dass alles reibungslos funktioniert und dass die Gäste glücklich sind.

 Wie ist der Filmjahrgang 2015?

 Ich glaube, dass es ein sehr starker Jahrgang ist. Auf der einen Seite gibt es großes politisch-emotionales Kino, auf der anderen Seite sehr viele neue Herangehensweisen und Experimente von jungen Filmemachern, die ihre Debüt-Filme abliefern.

 In diesem Jahr sind 180 Filme zu sehen. Das ist wieder ein neuer Rekord. Wie kommt es, dass es immer mehr Filme werden?

 Es liegt zunächst einmal an einer ganz einfachen Rechenaufgabe. Wir bekommen Förderung über das Creative Europe-Programm der EU. Und die Höhe der Förderung ist abhängig von der Anzahl der Filme im Programm. Wir haben einen Betrag beantragt, für den man 120 europäische Langfilme braucht. Und da Filme unter 50 Minuten Länge nur zu einem Viertel zählen, kommen wir mit 100 langen und 80 kurzen Filmen auf die Gesamtzahl von 120 europäischen Langfilmen. Das heißt aber nicht, dass wir alles eingesammelt haben, was rumlag, sondern in diesem Jahr wurden auch besonders viele Kurzfilme zum Festival eingereicht.

 Was ragt für Sie besonders heraus?

 Dass ein kleines Land wie Island, das kaum mehr Einwohner hat als Lübeck und Bad Schwartau zusammen, in diesem Jahr sieben Spielfilme herausgebracht hat, ist schon beeindruckend. Davon zeigen wir drei Filme, die für mich die stärksten sind: Virgin Mountain, Sture Böcke und Spatzen.

 Was macht deren Stärke aus?

 Mich faszinieren die eigenwilligen Charaktere. Eigenwillige Charaktere, die einem aber schnell ans Herz wachsen und mit denen man mitfühlt. Dazu kommt, dass diese Filme sehr eng verbunden sind mit der isländischen Landschaft und der isländischen Kultur.

 Für die Filmtage 2015 haben Sie einige hundert Filme gesichtet ...

 ... genau 466.

 Gibt es etwas, das Filme aus dem skandinavischen und dem baltischen Raum miteinander verbindet?

 Es sind vergleichsweise kleine Länder, die stolz auf ihre Kultur und ihre Menschen sind. Das Verbindende ist, dass Filme dazu beitragen können, davon zu erzählen und sich der eigenen Identität zu versichern. Einige Filme blicken zurück in die Geschichte, wie der dänische Film Unter dem Sand, der sich mit der Situation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, oder der finnisch-estnische Film Die Kinder des Fechters, der im damals sowjetischen Estland zur Zeit des Stalinismus spielt. Beide Male werden Themen aufgegriffen, die für das jeweilige Land prägend waren.

 Bei den Nordischen Filmtagen stammt ein hoher Prozentsatz der Filme von Frauen. Das ist beileibe nicht bei allen Festivals so. Achten Sie bei der Auswahl darauf, dass eine bestimmte Quote eingehalten wird?

 Mir ist wichtig, dass möglichst viele Frauen vertreten sind. In diesem Jahr beträgt der Frauenanteil bei der Regie 39 Prozent. Das ist im internationalen Maßstab sehr viel. Eine Einschränkung muss ich machen: Bei den Kurzfilmen ist der Frauenanteil besonders hoch, ebenso im Bereich des Dokumentarfilms und des Kinder- und Jugendfilms. Aber immerhin wurden vier der 16 Beiträge im Spielfilmwettbewerb von Frauen inszeniert.

 Machen Frauen andere Filme als Männer?

 Auffällig ist, dass es relativ wenige Geschichten gibt, bei denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Die starken Protagonisten, von denen ich vorhin gesprochen habe, sind alles Männer. Im Kinder- und Jugendprogramm aber gibt es auffällig viele Geschichten von starken Mädchen.

 Beschränken sich Frauen vielleicht auf einige wenige Themen: Liebe, Familie?

 Das Thema Liebe und Beziehungskomödien wird ihnen vermutlich immer wieder angetragen. Familien spielen im skandinavischen Film immer eine große Rolle, auch bei Geschichten, die von Männern erzählt werden.

  Der Eröffnungsfilm „Sture Böcke“ erzählt auch eine Familiengeschichte. Es geht um zwei Brüder, die beide Schafzüchter sind – und seit Jahrzehnten miteinander verfeindet. In diesem Zusammenhang hat das Festival eine Schafaktion angekündigt. Was verbirgt sich dahinter?

 Viele wissen nicht, dass es in Lübeck auch viele Schafe gibt. Sie tragen zum Beispiel am Dummersdorfer Ufer dazu bei, Natur und Landschaft zu erhalten und ökologisch zu bewirtschaften. Das wollen wir ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Lassen Sie sich überraschen!

 www.filmtage.luebeck.de, Kartentel. 0451/7030102

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Ein Artikel von
Liliane Jolitz

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