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Karge Worte, enge Welt

Nordische Filmtage Karge Worte, enge Welt

Ein Körper wie ein Berg, Spiddelhaare und ein Blick, der nicht viel durchlässt von der Außenwelt: So sieht er aus, der Publikumsliebling der 57. Nordischen Filmtage. Fusi ist der Titelheld des isländischen Spielfilms Virgin Mountain. Und der erhielt neben dem Publikumspreis der Lübecker Nachrichten auch den Kirchlichen Filmpreis.

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Szene aus „Virgin Mountain“: Fusi (Gunnar Jonsson) spielt mit dem Nachbarmädchen.

Quelle: hfr

Lübeck. Virgin Mountains sammelte in der von Yared Dibaba launig-albern zwischen Plattdeutsch und Bond-Verwitzelung moderierten Preisverleihung im Theater Lübeck neben dem Publikumspreis der Lübecker Nachrichten auch den Kirchlichen Filmpreis ein – weil es der Hauptfigur gelingt, „sowohl Güte gegenüber anderen zu zeigen, als auch seinen eigenen Weg zu gehen“.

Und das ist wahrlich nicht einfach für den 40-Jährigen mit der Kinderseele, der bei der Arbeit in der Gepäckabfertigung auf dem Flughafen gemobbt wird, immer noch bei Mutter lebt und irgendwann auf der Flucht vor der Line Dance-Stunde auf die zunächst so frischfröhlich erscheinende Sjöfn trifft. Behutsam und mit der ganzen Kunst der Langsamkeit entwickelt Regisseur Dagur Kari, der den Erfolg in Lübeck zusammen mit Hauptdarsteller Gunnar Jonsson feierte, diese verspätete Coming-of-age-Geschichte, fasst sie in karge Dialoge und sparsame Bilder, bringt Fusis kleine Welt in engen Zooms und begrenzten Innenräumen auf den Punkt.

 Die Fokussierung auf eine Person und ihre Entwicklung erwies sich im diesjährigen Wettbewerb als durchaus programmatisch. Aber ähnlich wie die dänischen Produktionen Rosita und das zwischen Altersromanze und -drama warmherzig changierende Schlüssel, Haus, Spiegel mit einer großartigen Ghita Norby gehörte Virgin Mountain bei aller Melancholie zu den helleren Filmen. Inmitten eines Trends, die Härten des Lebens auf beklemmende Einzelschicksale zu konzentrieren und im Privaten die Fehlleistungen einer zunehmend ratlosen Gesellschaft zu spiegeln.

 Immer wieder geht es dabei um die (hauptsächlich männliche) Sprachlosigkeit: zwischen Vater und Teenagersohn in Rune Runarssons Spatzen. Im bäuerlichen Drei-Generationen-Männerhaushalt in Nachbeben, in dem ein jugendlicher Mörder nach Hause und an seine alte Schule zurückkehrt und feststellen muss, dass einfach Weitermachen keine Option ist. Oder, ausnahmsweise als Komödienstoff verhandelt, in dem schwedischen Episodenfilm Ich wär so gern wie ich bin über Lebens- und Liebesirrtümer.

 Die Unfähigkeit, miteinander zu reden, grassiert auch in Die Rückkehr von dem Norweger Henrik M. Dahlsbakken (wir berichteten), der damit den mit 12500 Euro dotierten NDR Filmpreis gewann. Ein intensiv verstörendes Vater-Söhne-Drama vor der imposant leeren Kulisse der norwegischen Wildnis und eine Low-Budget-Produktion, die nach Auskunft des glücklichen Siegers in 13 Tagen abgedreht und auf wenige Rollen 35-mm-Film gebannt wurde. Dahlsbakken hat sein Debüt praktisch ohne Förderung realisiert; das Lübecker Preisgeld hilft dem talentierten 26-Jährigen beim Start in neue Projekte. Eine gelungene Investition.

 „Virgin Mountain“ läuft ab Donnerstag, 12. November, im Traum-Kino, Kiel.

Der Wettbewerb in Lübeck

NDR Filmpreis (12500 Euro): „Die Rückkehr“ (Henrik M. Dahlsbakken, Norwegen)

Publikumspreis (5000 Euro) + Kirchlicher Filmpreis (2500 Euro): „Virgin Mountain“ (Dagur Kari, Island)

Baltischer Filmpreis (undotiert): „Sture Böcke“ (Grimur Harkonarson, Island)

Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften (2500 Euro): „Democrats“ (Camilla Nielsson, Dänemark)

Preis der Kinderjury (5000 Euro): „Operation Arktis“ (Grethe Boe-Waal, Norwegen)

Kinder- und Jugendfilmpreis (5000 Euro): „Andere Mädchen“ (Esa Illi, Finnland)

Cinestar-Preis / bester norddeutscher Kurzfilm (3000 Euro): „Der Fährmann und seine Frau“ (Johanna Huth)

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30000 Besucher – bis gestern Abend sollte die 57. Auflage der Nordischen Filmtage die magische Zahl noch erreichen. Aber auch jenseits der Statistik, die mit 183 Filmen einen weiteren Rekord aufstellt, lässt sich das Jahr 2015 als Erfolgsausgabe feiern: ein durchgehend starkes Filmprogramm, hart am Puls der Zeit, und zahlreiche Gäste, die im Publikumsgespräch als Zeitzeugen fungieren und denen man tatsächlich persönlich nahe kommt.

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