23 ° / 11 ° Gewitter

Navigation:
Abenteuer im Kleinformat

Kammermusik-Festival Kiel Abenteuer im Kleinformat

Zu den reizvollsten Effekten, die das Konzept des Nordischen Kammermusik Festivals mit sich bringt, zählen seine vielen Überraschungen. Sowohl der Künstler- wie auch der Musikmix zeichnen dafür verantwortlich, aber am Sonnabend staunt man am Nachmittag zunächst über eine eigentlich gar nicht so überraschende Kombination.

Voriger Artikel
Hommage an Leonard Cohen
Nächster Artikel
Plácido Domingo sagt auch zweiten Auftritt in Hamburg ab

Einsatz für Brahms und Grieg: Guro Kleven Hagen, Caspar Frantz, Hanne Skjelbred und Julian Arp(v. li.).

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Denn zur Eröffnung des zweiten Festivaltags tritt der Pianist Caspar Frantz auf die Bühne des trotz Sommerwetters leidlich gut besuchten Musiculums, um eine Kostprobe seiner neuen CD mit Klaviermusik Robert Schumanns zu geben. Die darauf befindlichen Nachtstücke op. 23 passen unerwartet gut zur Teatime, was damit zusammenhängt, dass Frantz sie musikalisch spürbar aufhellt. Indem er die vier Stücke unaufgeregt entwickelt, dabei subtil rhythmisiert und auch ihre intensiveren Affekte auf dem Flügel überlegt und intim darstellt, erscheint ihre Atmosphäre hier weniger nachtschwarz als dämmrig – eine interessante Perspektive, deren Überzeugungskraft durch die elegante pianistische Umsetzung unterstrichen wird.

 Nach diesem schönen Eröffnungszug knipst das Oslo String Quartet bei seiner Interpretation von Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 11 f-Moll op. 95 das Licht dann gewissermaßen aus. Denn der klanggewordene Schmerz und die musikalische Schroffheit, die das bereits auf die letzten Quartette des Komponisten verweisende Werk vor allem auszeichnen, werden hier im Ausdruck ungeschönt und technisch meisterhaft zum Leben erweckt. Man staunt über die blitzartigen Wechsel zwischen straffen Attacken und lyrischen Schwebezuständen, über die Lebendigkeit, mit der das in vieler Hinsicht schon sehr vergeistigt wirkende Werk hier erstrahlt, und über die Meisterschaft, mit der die vier sehr starken Einzelpersönlichkeiten des Oslo String Quartets hier eine machtvolles musikalisches Ganzes bilden. Mit einer Handvoll Liebeslieder-Walzer op. 65a beschließen Caspar Frantz und Lilit Grigoryan das einstündige Teatime-Konzert danach auf ansteckend lockere Weise.

 Beim Abendkonzert sind die Stuhlreihen dann noch dichter besetzt und wieder nimmt Frantz am Flügel Platz, um nun die Sopranistin Ivi-Anne Hellesen Karnezi zu begleiten. Für ihre Interpretation der Lieder des norwegischen Komponisten Christian Sinding lässt die die große Opernbühne gewohnte Sängerin ihrem dramatischen Sopran oft freien Lauf. Schon im Eröffnungskonzert am Freitag hatte sich abgezeichnet, dass die Stimme farbintensiv klingt, wenn sie in unterer Mittellage entspannt strömt, aber oben unter Druck verspannt. Den dichten, dunklen musikalischen Flutwellen, die sie von der Bühne in Richtung Publikum rollen lässt, gibt man sich als Zuhörer gerne hin, fragt sich aber zuweilen, ob sich die selten zu hörenden Miniaturen so ganz frei entfalten können. Ähnliches gilt für die drei folgenden Brahms-Lieder, die von der Sopranistin ebenfalls sehr groß gezeichnet werden, so dass Frantz’ sensibler angelegter Klavierpart dabei eher wie eine Zusatzstimme aus dem Off wirkt.

 Eine gewisse, durchaus anregende Dysbalance zeichnet auch die nun folgende Interpretation von Johannes Brahms Es-Dur-Violasonate op. 120 Nr. 2 aus: Während Hanne Skjelbred ihren Violapart wunderbar genau, überlegt und zugleich sehr anrührend gestaltet, agiert ihr Gegenüber Lilit Grigoryan kontinuierlich als Temperamentspianistin. Auch in Edvard Griegs c-Moll-Andante für Klaviertrio ist die armenische Musikerin kaum zu bremsen und reichert die empfindsamen Streicherdialoge von Guro Kleven Hagen und Julian Arp mit vielfarbiger Tastenpower an. Das Ideal einer vollkommen ausbalancierten Einheit hatte das Duo Arp/Frantz am Freitag mit einer Rarität bewiesen: Wilhelm Bergers sonor strömende d-Moll-Cellosonate war die Wiederentdeckung wert.

 Für den krönenden Abschluss des Abends sorgt dann das Oslo String Quartet. Seine furiose und hochkonzentrierte Umsetzung von Franz Schuberts Streichquartett G-Dur D 887 verläuft vom ersten bis zum letzten Ton ähnlich atemberaubend wie tags zuvor das Kurt-Nystedt-Klanggewitter: Abenteuer im Kleinformat, die am Ende der musikalisch ausgesprochen ertragreichen Festivaltage berechtigte Bravi nach sich ziehen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3