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Kammermusik vom Allerfeinsten

Norwegen Kammermusik vom Allerfeinsten

Der Zug von Stavanger nach Oslo ist pünktlich, und schon nach kurzer Zeit geht die Fahrt durch schroffes, unwegsames Bergland: ungezählte Tunnel, Brücken und atemberaubend schöne Ausblicke lösen sich in stetem Wechsel ab. Dort findet das Kammermusikkfest statt.

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Kirche in Risör / Norwegen

Quelle: Jürgen Gahre

Risør. „Nach Risør wollen Sie?“ fragt die nette Schaffnerin. „Da muss ich den Zug in Gjerstad anhalten lassen, und von dort sind es dann aber noch bestimmt vierzig Kilometer.“ Als der aus nur drei Waggons bestehende Zug an der winzigen Station hält, gießt es in Strömen. Schnell bietet sich eine Mitfahrgelegenheit, die mein freundlicher Fahrer nutzt, mich über seine Geburtsstadt Risør aufzuklären. „Wissen Sie, dass man Risør die 'Weiße Stadt am Skagerrak' nennt? Fast alle Häuser, auch die Kirche, sind aus Holz und weiß angestrichen. Viele Osloer haben hier, ebenso wie die königliche Familie, ein Sommerhaus, denn hier ist das Wetter meistens viel sonniger als im Westen Norwegens.“

 Wie recht er doch hat: Kaum haben wir den letzten Pass hinter uns gelassen, da öffnet sich der Blick auf eine herrlich gelegene Bucht mit vielen Inseln, großen, kleinen und noch kleineren, und manchmal steht ein Haus auf einem Eiland, das kaum größer ist als das Gebäude selbst. Aus wolkenlosem Himmel scheint die Sonne auf die weißen Häuser und die unzähligen Motor- und Segelschiffe im Hafen. Ein bezaubernder Anblick!

 Viele Schilder, Aufkleber und über die Straßen gespannte Transparente verkünden: „Risør Kammermusikkfest 2015“, und mitten in dem kleinen Städtchen steht ein muschelartiges Zelt, vor dem ein Musiker mit kleinen Kindern rhythmische Übungen macht, um ihnen das bald danach gespielte Musikstück näher zu bringen. Die Kleinen sind mit Begeisterung bei der Sache und freuen sich dann, wenn die „echte“ Musik mit „echten“ Musikern beginnt. Jeden Mittag gibt es nämlich Gratiskonzerte, die von Leuten, die sonst nicht in ein Konzert gehen würden, gerne angenommen werden. Und da das Thema des diesjährigen Festivals „Luna“ ist, haben 4- bis 9-Jährige Bilder mit Mondmotiven gemalt, die in einer Ausstellung im „Kunstpark“ zu bewundern ist – so wird das Publikum von Morgen an die klassische Musik herangeführt. Vorbildlich!

 Als der berühmte norwegische Violaspieler Lars Ander Tomter 1990 zum ersten Mal in Risør war, begeisterte ihn die Schönheit und intime Atmosphäre des Ortes so sehr, dass er spontan beschloss, hier ein Festival zu gründen. Inzwischen ist seit dem ersten Festival ein viertel Jahrhundert vergangen und Risør ist nicht nur in Norwegen, sondern auch weltweit ein Synonym für hochkarätige Kammermusik geworden: Grund genug also, mit dem Publikum zu feiern, mit einem prachtvollen Feuerwerk um Mitternacht, zu dem alle Musiker, die Solisten ebenso wie das Norwegische Kammerorchester, Händels „Feuerwerksmusik“ spielten. „Wer einmal hier war, der kommt wieder“ heißt es, und das stimmt. Fast alle sind hier passionierte Wiederholungstäter, und seitdem die „Risør Artists“ 2009 und 2010 auf ihrer Tournee auch große Städte in den USA besucht haben, ist amerikanisches Englisch häufig in Risør während des Festivals zu hören.

 So verschieden die Programme der letzten Jahre gewesen sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Große Stars der klassischen Musik sind immer gerne nach Risør gekommen, um hier mit Freunden zu musizieren, um tief Luft zu holen vom Stress der anstrengenden Jet-Set-Termine, um in dem intimen Rahmen einer kleinen Kirche vor einem begeisterungsfähigen Publikum von Kennern zu spielen. So auch in diesem Jahr: Der weltweit gefeierte Pianist Leif Ove Andsnes, der charismatische Violinvirtuose Joshua Bell, die wundervolle Geigerin Vilde Frang, der Vollblutcellist Johannes Moser, sie und viele mehr sind der Einladung der beiden Künstlerischen Leiter Lars Ander Tomter und Henning Kraggerud gefolgt und haben ein ebenso abwechslungsreiches wie auf- und anregendes Programm gestaltet. Selten kann man die „Kreutzer-Sonate“ von Beethoven derart passioniert und technisch makellos hören wie mit Bell und Andsnes. Dass beide nicht nur ihr Instrument perfekt beherrschen sondern auch als Dirigenten begeistern können, das hat Joshua Bell mit einer fulminanten Siebten Sinfonie von Beethoven gezeigt, und Leif Ove Andsnes hat beim c-Moll Konzert von Beethoven das Norwegische Kammerorchester vom Klavier aus dirigiert. Einmal mehr hat der so ungemein sympathische und bescheiden auftretende norwegische Ausnahmepianist bewiesen, dass seine mittlerweile auch auf CD (Sony) erschienene „Beethoven Journey“ (alle fünf Konzerte und die „Chorphantasie“) exemplarisch für eine moderne, Pathos mit Verinnerlichung und Natürlichkeit verbindende Beethoven-Interpretation steht. Ein besonderes Lob auch dem Norwegischen Kammerorchester, das seinen diversen Herausforderungen stets gerecht geworden ist, sei es bei Telemanns „Don Quixote“-Suite oder Beethoven, bei Piazzollas charmanten „Four Seasons“ oder der anspruchsvollen „Equinox“ von Henning Kraggerud. Besonders virtuos und humorvoll hat sich das Orchester im Eröffnungskonzert bei Mozarts „Serenate notturna“ mit witzig improvisierten Soli gegeben.

 Das Festival-Motto „Der Mond“ ist natürlich unerschöpflich, einige Musikstücke aber sind bei einem solchen Thema ein Muss, wie beispielsweise Beethovens „Mondschein-Sonate“ (mit Alessio Bax), Schönbergs „Pierrot Lunaire“ (mit Tora Augestad) oder diverse Lieder: die Sopranistin Golda Schultz (von der Bayerischen Staatsoper) hat mit Schuberts „An den Mond“, Brahms' „Die Mainacht“ und Dvoraks „Lied an den Mond“ (aus „Rusalka“) eine exquisite romantische Stimmung heraufbeschworen und zeigte sich dann am nächsten Abend von einer ganz anderen Seite mit amerikanischen Songs von Gershwin und Porter, wo sie vom Publikum wie eine Diva gefeiert wurde. „Ain't it a pretty night?“ war der Titel des bis Mitternacht dauernden Konzertes – Golda Schulz hat diese Nacht mit ihrer lässigen Vortragsweise und ihrer rauchzarten, jazzigen Stimme unvergesslich gemacht.

 Müsste man eine der vielen Sternstunden des Risør Kammermusik Festivals herausheben, dann wäre das wohl das ungemein intensiv musizierte „Oktett für Streicher“ von Felix Mendelssohn. Hier, beim gemeinsamen Musizieren solcher Stars wie Joshua Bell, Vilde Frang, Catherine Bullock (Viola) und Frida Wærvågen (Cello) mit dem amerikanischen Escher Quartett, zeigt sich am schönsten und eindrucksvollsten, wie sehr der „Geist von Risør“ verbindet und Künstler zu emotionalen Höhenflügen befähigen kann.

 Die Bewohner von Risør sind von der Insel Stangholmen, wo es, wie in jedem Jahr, ein äußerst beliebtes Open-Air-Konzert für sie gegeben hat, zurückgekehrt, die letzten Töne des c-Moll Konzertes von Beethoven sind in der Risør Kirke verklungen, und jetzt kann wieder Ruhe einkehren in das kleine Städtchen. So manch einer wird um einen Sommernachtstraum reicher sein und vielleicht sogar den Mond mit anderen Augen ansehen.

 INFOS: Das Festival findet immer in der zweiten Juni-Hälfte statt. info@kammermusikkfest.no Tickets können per Internet gekauft und zu Hause ausgedruckt werden: www.billettservice.no. Tickettelefon: +48 – 815 33 133. SAS fliegt täglich von Kopenhagen nach Kristiansand. Von dort weiter mit dem Bus nach Risør.

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