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Schach den Königsblauen

Sommer-Oper Nabucco Schach den Königsblauen

Die Verdi-Oper "Nabucco" hat am Sonnabend auf dem Rathausplatz Kiel eine glänzende Premiere gefeiert. Die Vorstellung wurde am Bootshafen, in Mettenhof, in Gaarden und auf dem Blücherplatz übertragen - auf diese Weise konnten Tausende das Spektakel auch vor der Leinwand verfolgen.

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Dario Solari als Nabucco war einer der gefeierten Stars des Abends.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Macht generiert Missbrauch. Und man darf sich wohl nicht ganz sicher sein, dass der anmaßende König Nebukadnezar tatsächlich vom Saulus zum Paulus mutiert, wenn am Ende von Giuseppe Verdis früher Durchbruchsoper Nabucco alles im Lot scheint – Götzenbilder sind zerstört, die bösartige Möchtegernherrscherin Abigaille ist sterbend geläutert, die gefangenen Hebräer frei, das Liebespaar Fenena und Ismaele vereint und der vom göttlichen Schlag in die Schranken verwiesene König von Babylon wieder im Amt. Im Sommertheater auf dem Kieler Rathausplatz wird der Menschheit wieder einmal – und letztlich einmal mehr vergeblich – vorgeführt, in welcher Endlosschleife von Unterdrückung und Freiheitskrampf sie steckt, gerade dann, wenn sie meint, religiös untermauerte Wahrheiten gepachtet zu haben.

Bei Verdi macht das Mitleiden an diesen Erkenntnissen immer besonders schön schmerzlichen Spaß. Voraussetzung: Es wird so toll gesungen und musiziert wie vor dem Kieler Opernhaus. Allen voran brilliert Alessandra Gioia in einer Sopranpartie, die mit extremem Ambitus, hoher Belcanto-Kunst und blank aggressiver Angriffslust eigentlich eine Zumutung darstellt. Die Römerin findet als das vom König adoptierte, aber gegenüber ihrer Schwester zurückgesetzte Sklavenbalg genau die richtige brisante Mischung zwischen orgelnder Wut, spitzem Aufschrei, verschlagen gewandter Koloratur und im Leisen intensiv strömender innerer Wärme.

Dario Solari startet als Nabucco noch ein wenig pauschal mit baritonaler Männlichkeit, findet aber später auch zu kontrolliert gebrochenen Zwischentönen, wenn ihm die Krone vom verwirrten Haupt gerissen ist und er torkelnd angstgetrieben seine Tochter Fenena retten muss. In Mattia Denti hat er einen machtvoll aufbrausenden, gerade in der Höhe zu sicherer Attacke fähigen Bass als Gegenspieler Zaccaria, den salbungsvoll lauthals predigenden Hohepriester der Hebräer. Das von den Feindeslagern lange unglücklich auf Distanz gehaltene und von Verdi nur am Rande berücksichtigte Liebespaar Ismaele und Fenena ist bei Yoonki Baek und Cristina Melis in guten Händen: Der Tenor, zunächst noch etwas unstet in der Tongebung, findet zu sinnlichen Seufzern, die Mezzosopranistin gibt der Königstochter jenseits von ein paar kleinen Unsauberkeiten eine beeindruckend raumgreifend eigene Stimmfarbe.  

Hier sehen Sie Bilder von der Premiere der Sommeroper Nabucco in Kiel.

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Lam Tran Dinh hat den Opern- und Extrachor fit gemacht: für temperamentvolle Ausbrüche und für den Schmelz der Hoffnungsgesänge. Der italienische Gastdirigent Francesco Cilluffo sorgt am Pult der Philharmoniker für das Entscheidende, die „Italianitá“: Hitze ohne Hetze, trocken rhythmisches Knattern und innig ausgesungene Soli (Flöte, Cello), das An- und Abschwellen der Phrasen, das Atmen mit den Sängern. Die Opus Showtechnik versendet all das fast störungsfrei und im Rahmen der Freiluftmöglichkeiten von der Bühne in den steilen Zuschauerrang. Eine Lautsprecher-Inhaltsdurchsage und Texttitel an den Seiten sorgen für vertieftes Verstehen der italienischsprachigen Aufführung.

Der Regisseur Olaf Strieb und sein Ausstatter Heiko Mönnich haben den heißen Wüstensand, der sonst gerne bei Open-Air-Tingeltangel-Aufführungen in die Sandalen kriecht, als Kontrast zu den aufkochenden Leidenschaften derweil deutlich heruntergekühlt. Während die schon in der Ouvertüre als Flüchtlinge gehetzten Hebräer in wollfarben wallenden Tüchern noch die biblische Aura des Jahres 587 v. Chr. beschwören, sind die Babylonier, bösen Fantasy-Schlümpfen gleich, in abweisend metallischem Blau allen Zeiten enthoben. Strieb ist spürbar bemüht, die gegensätzlichen Volksstämme nicht zu oft gleichzeitig auf die Bühne zu lassen, um jeweils nicht an Masse zu verlieren. Die Tableaus, die bis hinauf in die rückwärtigen Gerüsttürme reichen, wirken gekonnt gestellt. Da sie aber weitgehend auf Feuerzauber, PS-starke Oldtimer, Sex, Drugs, Rock’n’Roll und dergleichen verzichten, wirkt die Produktion insgesamt asketischer als die Karasek-Steilvorlagen mit Tosca (2012) und Troubadour (2013). Zwei ferngesteuerte Treppentürme heben, reichlich unsinnlich, wichtige Personen heraus. Überhaupt gibt sich Strieb große Mühe, die Handlung möglichst klar zu verdeutlichen. Deshalb lässt er seine Protagonisten immer wieder auch aus der Situation „heraustreten“. Am besten gelingt das vor der Pause, wenn im großen Ensemble die allgemeine Verwirrung eines Machtvakuums durch das stilisierte Herumziehen der agierenden „Schachfiguren“ offensichtlich wird.

Riesiger Beifall und Bravo-Rufe für die Sängerriege, den Chor, das Orchester und den Dirigenten, positive Resonanz auch für die Inszenierung. Außerdem große Freude am obligatorischen Premierenfeuerwerk über dem Kleinen Kiel.

Kultur-Picknick zur Sommeroper

Im Kieler Stadtteil Mettenhof war es ein gemütlich-familiäres Open-Air-Kulturevent: Mehr als 1200 Menschen kamen zur Übertragung auf die Parkwiese am Heidenberger Teich. Anlässlich des 50-jährigen Stadtteiljubiläums wurde die Premiere auch dort gezeigt. Am sonnigen Nachmittag zogen der Kinderfilm „Winnetous Sohn“, die Aktionen der Mettenhofer Vereine wie Kinderschminken und die Foto-Show mit alten Mettenhofer Bildern vor allem Familien ins Grüne. Am Abend füllte sich der Platz vor der Leinwand mit klassikinteressiertem Publikum, das die Übertragung der Opern-Premiere an den aufgestellten Biertischen, liebevoll gedeckten, selbst mitgebrachten Tischen oder auf der Picknickdecke, mit selbstgemachtem Essen oder Würstchen vom Grill verfolgte – und die Wiese so in einen gemütlichen, bunten und vor allem familiären Veranstaltungsort der Art verwandelte, wie man ihn von den SHMF-Festivals auf dem Lande kennt.

„Die Atmosphäre ist wunderbar“, schwärmten Jürgen und Gaby Bockmeyer, die mit Freunden einen Abends mit toller Musik verbringen wollten, sowie Stefan Sieverts und Björn Rembarz, die im vergangenen Jahr „Romeo und Julia“ live gesehen hatten und in diesem Jahr die Übertragung unter sanft rauschenden Bäumen verfolgen wollten. Aus Verbundenheit zum Stadtteil waren Kerstin Harmsen, Silke Milkereit-Harmsen und ihre Mutter Waltraud Harmsen an den Heidenberger Teich gekommen. „Wir haben hier vor 30 Jahren gelebt.“ Hoch gelobt wurden auch die „tolle Bild- und Tonqualität“ der Übertragung und natürlich die Stimmen der Sänger, für die es auch in Mettenhof am Ende großen Applaus gab. 

Termine

Weitere Aufführungen am heutigen Sonntag, 23. August, sowie ab Dienstagabend täglich um 20 Uhr bis einschließlich Sonntag, 30. August. Restkarten: 0431 / 901 901 www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk und Jennifer Ruske

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
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