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"Matsukaze": Im Wind der Wahrheit

Oper Kiel "Matsukaze": Im Wind der Wahrheit

Das künstlerische Team um den Regisseur Matthias von Stegmann und den Dirigenten Leo Siberski verdient sich den großen Premierenbeifall und die vielen Bravo-Rufe im Kieler Opernhaus redlich. Denn es gelingt allen Beteiligten bestens, Toshio Hosokawas zu Recht vielgefeierte Oper " Matsukaze" spannend auf die Bühne zu bringen.

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„So sei es denn, Lotte. Lotte, lebe wohl“

Eindrucksvoll intensiv: Lesia Mackowycz als Matsukaze (vorn) mit Jihee Kim (links) als Murasame.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Was für ein faszinierend tiefer Einblick in das schrecklich schöne Reich der Schatten. Im Kieler Opernhaus sinkt das Licht gegen Null; ein großes silbergraues Tor, eben noch riesige Japanpapier-Tafel für kalligraphische Inschriften, verspricht Einlass in geheimnisumwitterte Zwischenwelten der ewigen Natur. Die schauert, rauscht, klingelt, raunt und ächzt dann auch, geboren aus gespannter Stille, vom Orchestergraben herauf. Eine windschiefe Kiefer aus Fernost wächst als Schattenriss imposant empor. Der Waldboden atmet und bebt bedrohlich, denn im fahlen Mondlicht kriechen hier Lemuren aus allen Poren. 

Das künstlerische Team um den deutsch-japanischen Regisseur Matthias von Stegmann und den scheidenden GMD-Stellvertreter Leo Siberski verdient sich den großen Premierenbeifall und die vielen Bravo-Rufe am Sonnabend redlich. Denn es gelingt allen Beteiligten bestens, Toshio Hosokawas zu Recht vielgefeierte west-östliche Oper Matsukaze aus der Übermacht der choreografischen Uraufführungsbilder zu lösen, die ihr Sasha Waltz und die japanische Künstlerin Shiota seit 2011 in Brüssel und Berlin tief eingeprägt haben.

Die Kieler Neuinszenierung und die Ausstattung von Walter Schütze nähern das rätselvolle Spiel nun wieder stärker seinem Ursprung, der No-Theater-Quelle von vor über 600 Jahren an. Hannah Dübgens deutschsprachige Allegorie nach dem No-Dramatiker Zeami Motokiyo (1363-1443) handelt von der Wiederkehr der Schwestern Kiefernwind (Matsukaze) und Herbstregen (Murasame), die aus dem Jenseits heraus unerlöst ihrem an den Tod verlorenen Geliebten, dem Barden Yukihira, nachtrauern.

Die beherrscht fließende Inszenierung von Stegemanns feinzeichnet eine Art Selbsthäutung der Schwestern – der Wahrheit entgegen. Sie schälen sich in ihrem transparent designten Arbeitshaus-Kubus, in dem Salz und Wasser eine optisch faszinierend schillernde Einheit bilden, nach und nach aus den üppig wallenden Kostümen. Am dramatischen Höhepunkt, wenn die aufbrausende Natur in Gewitter-Sturm und -Regen aus dem Gleichgewicht zu geraten scheint, offenbaren sie ihre tödliche Konkurrenz. Warum das alles auch über die irdischen Kräfte des Mönchs geht, der die Geschichte träumerisch in die Gegenwart holt, wird nicht ganz klar. Vielleicht ist er ja selber der totgeglaubt Ersehnte? Doch: Offene Fragen gehören gerade zum Reiz dieses eigenwilligen Zeitlupen-Musiktheaters.

Der Dirigent Leo Siberski hat mit den hervorragend disponierten Philharmonikern den unablässigen 70-Minuten-Tonstrom Hosokawas mit viel Binnenspannung und Außenwirkung aufgeladen. Vom Flötenhauch bis zum Harfenrausch, vom perkussiven Rhythmus-Trill bis zum Meereswogen der Streicher scheint hier alles auf den Punkt gebracht. Der von Lam Tran Dinh einmal mehr bestens einstudierte Chor, dient nicht nur mit Kommentar-Geflüster aus  dem „Off“, sondern agiert ausgestellt stilisiert, fast expressionistisch mit.

Neben dem flankierenden Fischer, den Christoph Woo schön rätselvoll unbeirrt singt, und dem Mönch, mit dessen weitem Stimmpanorama der finnische Bass Timo Riihonen erfolgreich ausdrucksstark ringt, stehen die Schwestern im Fokus. Die Koreanerin Jihee Kim malt Murasame als sinnlich Empfindsame, obgleich sie als Sopran mit den Tiefen der Mezzo-Partie zu kämpfen hat. Die kanadische Sopranistin Lesia Mackowycz gibt Matsukaze exaltierter und glänzt dabei mit mondlichtweiß zartschimmernder, aber sauber fokussierter Koloraturstimme bis weit hinauf in extreme Höhen. Zusammen verschmelzen ihre Trauertöne betörend.

Wenn sich Hosokawas fesselnde Naturschauer mit ihnen am Ende wieder ins Dunkel des Nichts verabschieden, wünscht man ihnen ganz im Sinne des No-Theaters das ersehnte Seelenheil. Und dass die Hamburgische Staatsoper für die kommende Saison plant, Hosokawas vierte Oper Stilles Meer uraufzuführen, kann man jetzt nur umso mehr begrüßen.

Aufführungstermine am 13., 16. Und 23. Mai sowie 7., 12. und 18. Juni in der Oper Kiel. Karten: 0431 / 901 901. Internet www.theater-kiel.de. Vergleichstermine der Berliner Sasha-Waltz-Produktion: 10. bis 12. Juli im Schiller-Theater. Karten: 030 / 20 35 44 38 www.staatsoper-berlin.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion