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"Spatz und Engel": Muttis beste Freundin

Oper Kiel "Spatz und Engel": Muttis beste Freundin

Der szenische Songabend „Spatz und Engel“ auf der Vorbühne des Kieler Opernhauses versetzte das Premierenpublikum mit Marlene-Dietrich- und Edith-Piaf-Songs in einen Rausch. Heike Wittlieb und Fenja Schneider bieten Schlagerleichtigkeit und Chanson-Melancholie, hängen ansonsten als Ikonen aber etwas durch in Jörg Diekneites allzu brav freundschaftlichen Inzenierung.

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Ungleiche Freundinnen im Einklang: Fenja Schneider (li.) als Edith Piaf und Heike Wittlieb als Marlene Dietrich.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Ikonen haben es nicht leicht. Gern reduziert man sie auf ihre Klischees, die dafür gleich in Übergröße zementiert werden – und so bleiben sie dann der Nachwelt erhalten. Das will das Stück Spatz und Engel über die Freundschaft von Edith Piaf und Marlene Dietrich nicht erzählen; und auch Regisseur Jörg Diekneite will mit seiner filmisch inspirierten Inszenierung am Kieler Opernhaus mehr als einen Rahmen für die unsterblichen Songs.

 Auch wenn sie in Gestalt von Kammersängerin Heike Wittlieb und Werftpark-Schauspielerin Fenja Schneider erstmal auftauchen als die Stars, die sie sind: Marlene als kühle Blonde im weißen Pelz, Edith im kleinen Schwarzen mit der typisch schmerzgebeugten Haltung, dem ungelenken Gang und der linkischen Art der Straßengöre aus Belleville, die die Sängerin zeitlebens nie ganz abgelegt hat. Ein Gegensatzpaar, das mit Die Zeit geht dahin und Chevalier de Paris zum Duett zusammenfindet, fein changierend zwischen Lebenslust und Lebensschmerz.

 Aber dann begegnen sich beiden erstmal 1945 in Piafs New Yorker Konzertgarderobe, so oder ähnlich will es die Legende. Und wie sie sich da ihrer gegenseitigen Verehrung versichern, einander umflirten, bis Marlene die zierliche Französin aufs Bett knallt, da sieht man gleich: Hier soll es um Menschen gehen. Um Freundschaft. Vielleicht sogar Liebe. Entsprechend ernst nimmt Diekneite die Sache, fasst sie in einen filmisch-naturalistischen Duktus, in dem die Dietrich – ausgerechnet – zur Mutti mutiert, die auf Knien mit dem Wischlappen über den Fußboden rutscht, Edith die Schuhe wechselt und auch sonst die sorgende Seele spielt. Und wo ist nochmal die Diva, der Vamp geblieben?

 Dazwischen: Wenn die beste Freundin, Mon manège à moi, Mon Dieu, Illusion, Milord, La vie en rose. Piafs große Liebe, der Boxer Marcel Serdan, Kindheitsszenen, Marlene auf Rollensuche. Parallelmontage, Ein- und Überblendungen. Die fesche Lola, Kinder, heut Abend und Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre funktionieren auch als farbiges Medley. Und Heike Wittlieb und Fenja Schneider können sowieso alles, Schlagerleichtigkeit wie Chanson-Melancholie. Wittlieb, die sich hier bemerkenswert weit von der Opernstimme entfernt zu angenehm schnörkelloser Klarheit. Und Schneider, die sich nicht nur Gestus und Pose des Vorbilds bis ins Detail anverwandelt hat, sondern auch das charakteristische Timbre und die Inbrunst der Piaf. Damit lässt sich mehr Spielraum erobern, kann Fenja Schneider rotzige Weltumarmung spielen und ihr gleichzeitig kindliche Verlorenheit, karikierende Untertöne und die Schmerzensfrau mit dem von Krankheit gebeutelten Körper und der Sehnsucht nach Liebe einschreiben.

 Drumherum tupfen Linda Stach und Marie Kienecker, Florian Hacke und Sebastian Rousseau und in den Kinderrollen Karlotta Godenir und Beke Schnack (Marseillaise!) Randfiguren auf die mit viel Stoff, nostalgisch vergilbten Videos (Frank Scheewe) und einer kleinen drehbaren Box für das schnöde Leben ausstaffierte Bühne (Marie Rosenbusch): von Piafs trunkenboldigem Kleinkünstler-Vater und Dietrichs gefühlskalter Mutter bis zu den Schriftsteller-Freunden Jean Cocteau und Noel Coward. Manches dehnt sich da arg, etwa, wenn Pete Seegers Antikriegssong Sag mir, wo die Blumen sind (1955) von Marlenes Kindheitsszenen aus dem Ersten Weltkrieg zerteilt oder bei aller Knappheit doch zu detailfreudig vom richtigen Leben erzählt wird.

 Bloß gut, dass es schlussendlich dann doch wieder um die Songs geht. Im zweiten Teil folgen sie rascher aufeinander, und Bettina Rohrbeck (Musikalische Leitung) hat sie ohnehin schön reduziert arrangiert: einfache Lieder vom Leben, begleitet von Rohrbecks zurückhaltendem Klavier und der schmiegsamen Muzette, die Akkordeonist Karsten Schnack beisteuert. Und nach gut zweieinhalb Stunden spendet das Publikum rauschenden Applaus.

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