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Drei seltene Opern begeistern internationales Publikum

Opernfestival Wexford Drei seltene Opern begeistern internationales Publikum

Das 64. Wexford Opera Festival in Irland lockt in diesem Jahr mit drei seltenen Opern. Dass es jemals so einen Erfolg haben würde. wäre dem Gründer Dr. Walsh wohl 1951 nicht in den Sinn gekommen.

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Szene aus Pietro Mascagnis Oper „Guglielmo Ratcliff“

Quelle: *

Wexford. Als Dr. Walsh 1951 in dem ärmlichen Fischerstädtchen Wexford in Irlands Südosten „The Rose of Castile“ von Michael W. Balfe unter primitivsten Umständen – für die Sänger gab es noch nicht einmal eine Garderobe – aufführte, weil er besessen war von der Idee, Opern live in seiner Heimatstadt zu sehen, hätte er sich wohl in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass das diesjährige 64. Wexford Opera Festival in einem wunderschönen state-of-the-art Opernhaus stattfinden würde, dass Kritiker und Publikum von weither (viele sogar aus Amerika) anreisen würden, um im „National Opera House“ drei selten gespielte Werke zu hören.

Mit einer so exotischen Oper wie „Koanda“ das Festival zu eröffnen, ist eigentlich ein großes Wagnis, nicht aber in Wexford. Der Komponist, der 1862 in England geborene Frederick Delius, stand bereits vor drei Jahren in Wexford im Mittelpunkt des Interesses, mit seinem „A Village Romeo and Juliet“ – in Deutschland wird diese Oper gelegentlich gespielt. Jetzt also „Koanda“, ein Werk, in dem Delius seine in den 1890er Jahren in Florida gemachten Erfahrungen verarbeitete. Seine Oper, die er „Lyrisches Drama“ nennt, spielt zur Zeit des Sklavenhandels auf einer Farm in Louisiana. Der herrisch auftretende Sklave Koanda verliebt sich in die Christin Palmyra, die eine afrikanische Mutter und einen weißen Vater hat. Um sie heiraten zu können, konvertiert er zum Christentum, wird dann aber von den Weißen derart brutal behandelt, dass er zusammen mit Palmyra kurz vor seinem und ihrem Tod zum Voodoo-Glauben zurückkehrt.

Delius sind wundervolle, geradezu mystische Stimmungsbilder gelungen, mit denen er nach eigener Aussage „eine einst tief empfundene Glückssekunde auf seiner Veranda in Florida“ evozieren will – nicht ohne Grund hat man Delius' Musik mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen. Das Lyrische in seiner Oper ist allerdings so dominant und eben auch überzeugend, dass das Dramatische der Handlung zu kurz kommt.

Der Regisseur Michael Gieleta hat die poetisch-lyrischen Passagen in stimmungsdichte Bilder übersetzt, die mit der Musik eine magische Einheit eingegangen sind und durch ihre starke Suggestivkraft überwältigen. Was Wunder, dass auch ihm das Dramatische nicht so recht gelingen will – da haben sich dann doch einige nicht unerhebliche Ungeschicklichkeiten eingeschlichen. Für die Titelfigur konnte der schwarze US-Amerikaner Norman Garrett gewonnen werden, der mit seinem kernigen Bariton und auch durch seine hünenhafte Gestalt einen tiefen Eindruck hinterließ. Nozuko Teto, die aus Südafrika stammende, ebenfalls schwarze Sopranistin, sang die Rolle der Palmyra mit großem emotionalen Einsatz, während Jeff Gwaltney (Perez) und Christopher Robertson (Martinez) als Verkörperung der niederträchtigen, rücksichtslosen weißen Oberschicht mit beeindruckender Bühnenpräsenz punkten konnten. Stephen Barlow führte Chor und Orchester der Wexford Festival Opera sicher durch die Partitur und achtete darauf, dass der faszinierende Stilmix aus verschiedenen afro-amerikanischen Rhythmen und dem opulenten Schwelgen in nostalgischem Streicherklang eindrucksvoll zur Geltung kam. Herzlicher Applaus für alle.

Ferdinand Hérold hat seine 1832 in Paris uraufgeführte, letzte Oper „Le Pré aux clercs“ – so wird berichtet – das Leben gekostet. Er war überarbeitet und bereits todkrank als ihn das begeisterte Publikum in der Opéra comique vor den Vorhang rief – ein plötzlicher Blutsturz machte es ihm unmöglich, seinen größten Triumph zu genießen. Wenige Tage später war er tot. Über 1600 Aufführungen hat es allein in Paris von dieser Oper bis 1949 gegeben, dann aber riss die Erfolgskurve abrupt ab. In Wexford hat der Regisseur Éric Ruf dieses charmante Opern-Juwel mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail auf die Bühne gebracht. Er ist nicht um eine Modernisierung bemüht, sondern belässt die Handlung im Jahr 1582, was an den farbenfrohen Renaissance-Kostümen deutlich wird. Bunt belaubte Bäume, ein alter Brunnen, eine Palastfassade und vieles mehr sorgen für poetischen Realismus, der die quirlige Handlung, die Liebesirrungen und Wirrungen und die bösen Intrigen um die Königin Marguérite de Valois und deren Kammerfrau, die junge Gräfin Isabelle de Montal, in ein mildes, versöhnliches Licht rückt. Der tragische Teil des Geschehens – einer der Liebhaber von Isabelle wird in einem Duell getötet – kommt so kaum zur Geltung, was wohl auch den Absichten des Komponisten entspricht. Hérold hat über „Le Pré aux clercs“ ein Füllhorn an köstlichen, übermütigen, oft an Rossini erinnernden Melodien ausgeschüttet, die dank ihrer Frische und Eleganz immer wieder faszinieren.

Jean-Luc Tingaud animierte Chor und Orchester des Wexford Opera Festival zu köstlichem Spielwitz und fein geschliffenen Pointen, ohne die Zartheit und Liebenswürdigkeit von Hérolds leichtfüßiger Partitur zu vernachlässigen. Alle Rollen waren gut bis hervorragend besetzt, die Mezzosopranistin Marie Lenormand (Marguérite) und die Sopranistin Marie-Ève Munger (Isabelle) aber müssen besonders hervorgehoben werden. Letztere konnte sich in ihrer bezaubernden, von der Sologeige begleiteten Arie „Jours de mon enfance“ empfindsam-nostalgischen Erinnerungen hingeben. Sehr herzlicher Applaus für alle.

Diese Inszenierung ist in Koproduktion mit der Pariser Opéra-Comique entstanden und wird dort anlässlich der 300-Jahrfeier des Hauses in fast identischer Besetzung vom 23. März bis 2. April 2016 gegeben. www.opera-comique.com/en

Jeder Opernfreund kennt Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“, seine vielen anderen Opern aber sind nur Spezialisten bekannt. In Wexford hatte man schon 1992 „Il piccolo Marat“ und 1995 „Iris“ auf die Bühne gebracht und lässt jetzt den auf dem gleichnamigen Drama von Heinrich Heine basierenden „Guglielmo Ratcliff“ folgen. Mascagni hat diese „Tragödie in vier Akten“ in geradezu jugendlichem Alter komponiert und hielt sie auch später noch für sein bestes Werk. Grund genug, um neugierig zu sein auf die Wexforder Neuinszenierung von Fabio Ceresa. Dieser hat aus dem im hohen Norden Schottlands spielenden Stück ein waschechtes Schauerdrama gemacht: Wolfshunde verwehren den Hochzeitsgästen den Weg in den unheimlichen Schlosssaal, an Bäumen aufgehängte Gauner machen schaudern, Gespenster spuken im Schloss herum – am Schluss vermengen sich bei derart geisterhaftem Treiben Realität und Traum miteinander. Das ist echtes Halloween-Gänsehaut- Theater, das durch Mascagnis mitreißende Musik noch gesteigert wird. Der einst von seiner Geliebten Maria zurückgewiesene Guglielmo Ratcliff hatte geschworen, alle von ihr erhörten Nebenbuhler umzubringen und ihr die abgetrennten Köpfe zu schicken. Mit höhensicherem, strahlendem Tenor und einer gehörigen Dosis an Testosteron meisterte Angelo Villari diese enorm schwierige Titelpartie und riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Alle anderen Sänger waren ebenfalls hervorragend und ließen sich von dem zündenden Dirigat des Francesco Celluffo zu Spitzenleistungen inspirieren.

Das Wexford Opernfestival findet 2016 vom 26. Oktober bis zum 6. November statt. Gespielt werden: „Herculanum“ von Félicien David, „Vanessa“ von Samuel Barber und „Maria de Rudenz“ von Gaetano Donizetti www.wexfordopera.com 

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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