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Klassische Klänge in Wellingdorf

Orchesterakademie Kiel Klassische Klänge in Wellingdorf

Wenn man auf einem der Stühle in der Wellingdorfer Salzhalle Platz nimmt, ist man auch als Zuschauer mitten im Geschehen. Links dirigiert Leo Siberski die jungen Musiker der Orchesterakademie des Kieler Theaters, rechts kniet Sängerin Rebekka Reister in einem Kreis aus weißen Blättern.

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Vielschichtige Annäherung an ein ernstes Thema: Probenszene aus der Neuen Salzhalle

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Die Musik, die durch den Raum dringt, klingt kühl und emotional zugleich. Reister beginnt zu singen, wenige Takte später unterbricht Kiels stellvertretender Generalmusikdirektor: „Du bist noch einen Halbton zu hoch!“ „Ja, ich finde das Cis noch nicht“, bestätigt die Sopranistin. „Aber ich kann mich auch nicht richtig hören, weil das Orchester zu laut ist.“ „So ist das immer, wenn Sänger und Musiker zum ersten Mal zusammen proben“, entgegnet Siberski lachend. „Man steckt gemeinsam im Nirwana.“

 Tatsächlich ist es an diesem Mittwochabend das erste Mal, dass die 21-köpfige Orchesterakademie auf die beiden Sänger Rebekka Reister und Matthias Koziorowski trifft, die in Udo Zimmermanns Kammeroper „Die Weiße Rose“ die Rollen der Geschwister Sophie und Hans Scholl verkörpern. Zusätzlich zur musikalischen Vorbereitung haben Leo Siberski und Regisseurin Nele Tippelmann die Akademisten auch inhaltlich in die Thematik eingeführt, um die die 1968 komponierte und 1986 überarbeitete Oper kreist. „Wir haben in unseren ersten Diskussionen schnell gemerkt, dass die Geschichte der Weißen Rose im Schulunterricht heute nicht mehr so präsent ist, wie es noch bei unserer Generation war“, berichtet Siberski.

 Ziel sei daher zunächst gewesen, die Jugendlichen mit den Kernfragen des Widerstands im Nationalsozialismus zu konfrontieren: „Wir haben uns gemeinsam gefragt, ob es auch für uns heute Überzeugungen gäbe, für die wir im schlimmsten Fall sterben würden“, sagt Tippelmann, die in ihrer Inszenierung großen Wert darauf legt, die Geschichte der Geschwister Scholl nicht zu verklären: „Es gibt ja keine Wahrheit in der Vergangenheit. Wenn man sich dem Thema heute nähert, nähert man sich ihm zwangsläufig aus einer verschrobenen Perspektive.“

 Auf verschiedene Weise bringt die Regisseurin dieses Problem in der Salzhalle zum Ausdruck. Einige Zuschauer dürfen in der Vorstellung tatsächlich am Bühnenrand Platz nehmen, das Gros sitzt auf der Galerie und schaut von oben auf das Geschehen. Zwei Akademisten begleiten die Aufführungen zudem mit der Kamera und projizieren die Bilder auf mehrere Leinwände in der Halle. Auch die Orchestermusiker werden mitunter in die szenische Umsetzung eingebunden, indem sie zuweilen unvermittelt aufstehen, um das Leinwandgeschehen zu betrachten. „Auf diese Weise möchte ich die verschiedenen Perspektiven, die man im Hinblick auf die Weiße Rose einnehmen kann, symbolisieren“, betont Tippelmann. Ziel ihres Zugangs zu der viel aufgeführten Oper sei nicht, die Geschichte des Geschwisterpaares zu erzählen, sondern eher, die Fragen aufzuwerfen, die sich bei der Annäherung an den Gegenstand stellen.

 Dass es sich bei dem Stoff um eine wahre Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit handelt, öffnet den Musikern dabei laut Siberski den Zugang zu dem ambitionierten Projekt von alleine: „Hier geht es wirklich um Leben und Tod. Man ist hautnah am Inhalt dran. Und daraus entsteht beim Musizieren zwangsläufig eine große Ernsthaftigkeit.“

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