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Passgenau auf Augenhöhe

Orgel-Trio Blicher Hemmer Gadd im Kulturforum Passgenau auf Augenhöhe

Irgendwann während des Konzerts fragt Michael Blicher ins prallvoll besetzte Kulturforum, ob Musiker unter den Gästen seien. Da konnte der dänische Saxofonist drauf wetten.

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Agierte uneitel und banddienlich, glänzte in formidablen Soli: Schlagzeug-Ass Steve Gadd.

Quelle: mwe: Manuel Weber

Kiel. Und ganz sicher auch einige Schlagzeuger, darunter nicht wenige Nachwuchstrommler. Schließlich sitzt da oben einer der profiliertesten, innovativsten, prägendsten Drummer der Musikwelt: Steve Gadd. Mehr als 750 Alben hat der US-Amerikaner mit seinem exquisiten Spiel veredelt, die Namen seiner Auftraggeber flößen Respekt ein – hier nur eine Handvoll: Frank Sinatra, Chet Baker, Aretha Franklin, Paul McCartney, Eric Clapton, Paul Simon, Peter Gabriel, Steely Dan. Nur selten bietet sich die Gelegenheit, diesen berühmten Schlagzeuger in so einem intimen Rahmen bei der Arbeit zu beobachten.

 Ein überwiegend smooth groovender Jazz, gespickt mit Soul, Blues und auch mal Reggae, steht auf dem Programm, der Gadd natürlich nicht ansatzweise forderte. Muss ja auch nicht. Konzentriert, banddienlich und unprätentiös ließ der US-Amerikaner, dem man die 70 Lenze nicht im Entferntesten ansieht oder -merkt, die Besen shuffelnd über die Felle fegen, weich auf die Becken ditschen oder ließ die dunklen Drum-Sticks tanzen. In seinen bejubelten Soli aber, von allen hier sicher mit Spannung erwartet, schöpfte Gadd mit vollen Händen aus seinem enormen rhythmischen Repertoire und Potenzial. Inspiriert, wirkungsvoll, völlig frei von Effekthascherei. Dieser Mann muss niemandem mehr etwas beweisen.

 So birgt der große Name kein Spaltpotenzial, zumal von einem technischen Gefälle keine Rede sein kann: Hier musiziert ein klassisches Orgel-Trio auf Augenhöhe, spielt sich passgenau die Bälle zu. Blicher glänzt meist auf dem Tenorsaxofon, seltener auf dem Sopransaxofon und einmal auf der Querflöte mit stilgemäß oft butterweichem Gebläse und lyrischen, klanglich biegsamen Figuren. Der Däne Dan Hemmer steuert auf der Hammond-Orgel den unverkennbar warmen, vielfarbigen Klang dieses Klassikers bei.

 Die meisten Instrumentals des Abends stammen aus Blichers Feder. Zu fast jedem hat der sympathische Musiker eine unterhaltsame Entstehungsstory auf Lager. Das gospelnd-swingende Treme erzählt davon, wie Blicher einst auf der Suche nach einer richtig Gospel-Messe durch New Orleans radelte und schließlich in einer Kirche landete, wo dann „nette Leute dem blassen Typen“ für sein Saxofonspiel 50 Dollar gaben und ein Frühstück spendierten. Der bluesige Schieber The Colour Red, die Bühne in roten Schummer getaucht, erzählt vom Runtertouren im Alltagsstress. Das leichtfüßig wippende Omara, das auch von Spyro Gyra oder Grover Washington, Jr. stammen könnte, hat wieder eines dieser fabelhaft groovenden Gadd-Soli. I’m Really Not Much Of A Dancer, New Orleans und She Curves, She Curves (mit Flöte) sind funky, der jazzige Reggae Babylon ist Bob Marley, einem Lieblingsmusiker Blichers, gewidmet.

 Gegen Ende des Konzerts spielt Eddi mit. Nicht nur Fahrer der Band, sondern auch Drummer, begleitet er das Trio ein paar Stücke als Perkussionist. Lohn auch dafür, dass er den Wagen der Band gleich nach dem Konzert in London den ganzen nächtlichen Weg nach Kiel brachte, während die Band im Flugzeug nach Hamburg flog, wie Blicher ausgiebig lobt. Noch ein Beleg dafür, wie uneitel es bei Blicher, Hemmer und Gadd zugeht.

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