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Die vielen Gesichter des „Jetzt“

Orsons-Konzert Die vielen Gesichter des „Jetzt“

Zum Tour-Auftakt der Orsons im prall gefüllten Orange Club in Kiel tobte die ekstatische Menge und versenkte sich komplett im Augenblick. Denn das Rap-Quartett machte viel Klamauk und umarmte das Leben.

Kiel. „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern 'Früher war alles viel besser!' / Dann mein' sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt.“ Der Track mit diesem bemerkenswerten Refrain heißt Jetzt und gehörte zu einer der letzten Zugaben des Konzerts beim Tour-Auftakt der Orsons im prall gefüllten Orange Club. Die ekstatische Menge tobte und feierte und versenkte sich komplett in den Augenblick. Das Jetzt eben.

Doch eigentlich – und das ist das Schöne an den Orsons – zündet das Rap-Quartett seine basslastigen Stimmungsgranaten auf dem angenehm schief gegossenen Fundament aus Witz, inhaltlicher Doppelbödigkeit, Ironie und einer gewissen Resignation. Eigentlich handelt der Song nämlich von der Sinnsuche oder eher Sinnleere der Bewohner des Hier und Jetzt. Denn auch das steht in dem Lied: „Ach, die Erde ist so flach, wir lachen / Weil es kaum was besseres gibt / Außer vielleicht ficken /Außer vielleicht - da gibt es nichts.“

Sehr zum Gefallen des Publikums war Jetzt nicht der einzige ältere Song aus dem mittlerweile drei Longplayer umfassenden Gesamtwerk der Schwaben. Eigentlich traten die Hip Hopper allerdings an, um nach einer ersten erfolgreichen Runde im Frühjahr ihre aktuelle Scheibe „What's Goes“ ein weiteres mal live zu präsentieren. Aber von Routine keine Spur. Wie entfesselt turnten Bartek, Kaas, Maeckes und Tua über die Bühne, was bei dem exzellenten Material und der Gunst des Publikums vielleicht gar keine so große Kunst ist. „What's Goes“ ist ein reifes, vielgestaltiges Album, das eine klare Entwicklung zeigt ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Live legen die Vier natürlich noch einen Zahn zu, klingen die Beats noch brachialer, zischen die elektronischen Effekte und Vocal-Samples noch ungebremster ins Ohr. Die Kracher What's Goes, Papa Willi und der Zeitgeist oder Tornadowarnung sind hierfür nur einige Beispiele von Vielen.

 Aber bei dem ganzen Donnerwetter und den gerne in atemberaubender Doubletime-Geschwindigkeit abgefeuerten Texten haben die Orsons dennoch nicht viel gemein mit dem allzu oft muskelspielenden Habitus des gängigen Deutsch-Raps. Die Orsons sind nicht böse, höchstens besorgt, die Orsons hassen nicht, sie wundern sich eher. Sie machen viel Klamauk und auf der Bühne umarmen sie das Leben. Trotzdem befähigt sie ihr Songwriting zu schwarz glänzenden, wunderbar defätistischen Perlen wie Lass uns chillen: „Lass uns chillen
's Gift ist geschluckt / Und die Welt soll endlich untergeh'n
/ Ist alles halb so wild / Lass uns chillen Is' sowieso alles kaputt“

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