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Voller verschlüsselter Kürzel

Immendorff im Ostholstein-Museum Voller verschlüsselter Kürzel

Die Landesgartenschau in Eutin war bis dato Anlass für eine regionale Ausrichtung des Ausstellungsprogramms im Ostholstein-Museum. Die Zeit sei nun reif für einen Blick über den Tellerrand, befand Julia Hümme – und organisierte auf Empfehlung des Lübecker Galeristen Thomas Gaulin in Kooperation mit der Galerie Breckner in Düsseldorf eine Ausstellung zum grafischen Werk von Jörg Immendorff (1945-2007).

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Vor einem übermalten Linolschnitt aus Immendorffs Zyklus „Café Deutschland“ (1990): Kurator Stefan Skowron.

Quelle: sth

Eutin. „Immendorff hat in der deutschen Kunstszene nachhaltige Spuren hinterlassen“, schwärmt die Museumsdirektorin. Für sein grafisches Werk hat sie sich entschieden, weil es das malerische Ouevre seit 1980 begleitete, darunter Hauptwerke wie der Zyklus Langer Marsch auf Adler oder Café Deutschland, deren Einzelmotive sich nahezu durch sein komplettes Künstlerleben ziehen. Auch das berühmte Porträt von Gerhard Schröder ist in Eutin vertreten – detailliert, brillant, aber weit weniger goldlastig als das Gemälde des „Brioni-Kanzlers“.

Der Titel der Schau Gestatten, mein Name ist Geschichte! ist Programm. Zum einen, weil die realistisch geprägte Bildwelt des gebürtigen Niedersachsen angefüllt ist mit Zitaten aus Geschichte und Politik. Zum anderen hat der Künstler, an ALS erkrankt und im Wissen um sein baldiges Ende, diesen Satz bereits 2005 unter ein fotografisches Selbstporträt schreiben lassen, auf dem er in der Hand seines gelähmten Armes den Stempeldruck eines Gehirns balanciert. „Jörg Immendorff thematisierte seine Krankheit, ohne larmoyant zu werden“, erzählt Kurator Stefan Skowron, der den Künstler, der seit seinem Studium mit Unterbrechungen in Düsseldorf lebte, 1997 kennenlernte. Steinarm heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2000. Sie zeigt einen stilisierten, massigen Arm mit rotglühendem Schultergelenk, der an ein Gewicht gekettet ist. Rundherum wirbeln die markanten Kürzel aus dem schier unerschöpflichen Bilderkosmos des Beuys-Schülers: ein Kreuz, ein Affe – Immendorff bezeichnete sich selbst gern als „Maler-Affe“ – oder ein Knochen, der auch als Phallus durchgeht. Die Krankheit veränderte seinen Stil. Noch in den 80er Jahren geprägt durch eine so faszinierende wie unübersichtliche Fülle von Gesichtern und Kürzeln, werden seine Bilder Ende der 90er klarer, ruhiger. Er wolle seine Kunst „von dem erzählenden Lametta befreien, um zu einer reineren Malerei zu kommen“, sagte er damals.

Immendorffs Grafiken, neben Lithographien auch zahlreiche Linoldrucke auf Leinwand, sind gespickt mit verschlüsselten, teils ironisch überhöhten Kommentaren und man hat viel zu tun, will man alles entdecken. Im chaotischen Drunter und Drüber vom Café Deutschland tauchen die Gesichter von Karl Marx oder Adolf Hitler auf , woanders hockt Edmund Stoiber rittlings auf einem Tier, das das Antlitz von Angela Merkel trägt. Auch der Künstler selbst taucht immer wieder auf – als Kellner, als Harlekin oder als Maler-Affe. „Er sah sich als ein Mitglied dieser Gesellschaft, das sich nicht herausnehmen kann“, so Skowron auf die Frage, inwieweit Jörg Immendorffs Kunst politisch gewesen sei. „Er wollte nicht erklären, was in der Politik geschieht. Aber er wollte mit seinen Bildern darauf hinweisen.“

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