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Stumme Trompeten, stille Hörner

Overbeck-Preis für Valentin Carron Stumme Trompeten, stille Hörner

Mit Valentin Carron, dem diesjährigen Träger des mit 5000 Euro dotierten Overbeck-Preises für bildende Kunst, hat die Kleinstadt Martigny im Schweizer Kanton Wallis einen heimatverbundenen Mitbürger in ihren Reihen, der längst im internationalen Kunstbetrieb von sich reden macht. Bei der Venedig Biennale 2013 bespielte er den Schweizer Pavillon.

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Der Alltag im Wallis ist seine Inspirationsquelle: Valentin Carron vor den Bronzeabgüssen plattgedrückter Blasinstrumente.

Quelle: Björn Schaller

Lübeck. Ein Jahr später widmete ihm die Kunsthalle Bern eine Einzelausstellung. Eigentlich verwunderlich, dass Martigny wenig Notiz von ihm nimmt, denn die Heimat ist für den 38-Jährigen nicht nur Rückzugsort, sondern Inspirationsquelle seiner Kunst. Mit Valentin Carron im Wallis unterwegs zu sein, beschreibt Overbeck-Leiter Oliver Zybok als Sinnesabenteuer der intensiven Art. Ein Lüftungsschacht kann ebenso seine ästhetische Neugier wecken wie die Dekoration im Stammlokal einer Blechbläsertruppe. Dort fiel sein Blick auf eine Wand mit plattgedrückten Trompeten und anderen Blasinstrumenten. Nach einem zugegeben aufwendigen Transformationsprozess spielen sie jetzt die Hauptrolle in der Ausstellung im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft. Nicht als Readymade, sondern als künstlerische Nachschöpfung. Carron suchte und fand Tuba, Trompeten, Saxofon, Posaunen und Hörner beim Altwarenhändler, machte sie buchstäblich platt und ließ sie in Bronze abgießen.

Kunsthistorisch in bester Gesellschaft

24 dieser schwerwiegenden Exemplare verteilen sich nun auf die weißen Wände der Pavillons. Folgerichtig erscheint es da, dass Carron die Abgüsse nur handwerklich vorbehandeln lässt; sie sandstrahlen lässt und ihnen damit eine rohe und seltsam stumpfe Oberfläche in kupferfarbenem Goldton gibt. Die konterkariert beides, das ehedem glänzende Messingblech und die edel patinierte kostbare Bronze. Warum er das tut? „Für mich ist es das Porträt einer Situation, in der ich mich im Alltag befinde“, sagt der Künstler, der sich auf seine Weise einen überdimensionalen Pflanztopf oder die Skulptur eines Künstlerkollegen ebenso zu eigen macht wie den Handlauf eines Treppengeländers, der in Schlangenköpfen endet.

Dabei sieht er sich kunsthistorisch in bester Gesellschaft: Die Avantgarde der Sechzigerjahre mit Künstlern des Nouveau Réalisme wie César oder Arman zitiert Carron immer wieder, wenn es um die Beschreibung seiner eigenen Position geht. Etwaige Kritik an dieser Art von Aneignung, die zuweilen auf dem schmalen Grat des Plagiats wandelt, wischt er so gelassen wie charmant vom Tisch. Ihm sei ja bewusst, dass er mit seiner Kunst nichts weitergebe. „Mir reicht das, und ich will da auch schöpferisch nichts weitertreiben“, sagt der Künstler. Ihm liegt vielmehr daran, Aufmerksamkeit für die Materialität zu schaffen. Und in der Tat liegt darin die Stärke dieser Arbeiten. Sie entwickeln ihr Eigenleben mit einer Intensität, die ohne Frage Distanz zum Original herstellt. Vielleicht sei das alles auch eine Art Trauerarbeit, sagt Carron mit einem ironischen Blinzeln in den Augen. Sich immer wieder neu zu erfinden, sei eben ein Ding der Unmöglichkeit.

Overbeck-Gesellschaft, Lübeck, Königstraße 11. Bis 7. Februar, Di-So 10-17 Uhr. Ab Januar 11-17 Uhr. Preisverleihung Sonntag, 17.30 Uhr. www.overbeck-gesellschaft.de

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