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Die Untiefen des Fan-Seins

„Passion“ in der Stadtgalerie Die Untiefen des Fan-Seins

„Fans sind Hardcore“, sagt Christoph Tannert. „Sie agieren mit einer Unbedingtheit, die manchmal durchaus spaßig ’rüberkommt.“ Der Künstlerische Direktor des Künstlerhauses Bethanien in Berlin muss es wissen, schließlich hat er mit seiner Kollegin Miriam Barnitz die Untiefen des Fan-Seins ausgeleuchtet und eine Schau kuratiert, die nach Berlin, Nürnberg und Budapest jetzt in Kiel zu Gast ist.

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Kurator Christoph Tannert in der Ausstellung neben einer Arbeit von Joris Van de Moortel. Der Belgier ließ während einer Performance Lautsprecherboxen erkaltendem Wachs erstarren.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Mit über 70 beteiligten Künstlern, darunter der Kieler René Schoemakers, ist Passion. Fan-Verhalten und Kunst die bisher größte Ausstellung, die Wolfgang Zeigerer in der Stadtgalerie beherbergt – und sicher auch eine der buntesten. Fußballfans müssen tapfer sein, denn der Fokus liegt auf der Rockmusik. Nur zwei Arbeiten beschäftigen sich mit dem runden Leder. „Zum Fußball müsste man eine gesonderte Ausstellung machen“, so der Kurator, der selbst großer Musik-Fan ist. Seine facettenreiche Auswahl von Fotografien und skurrilen Inszenierungen, Gemälden und Projektionen zum Fan-Verhalten im Kunst-Kontext dürften Entschädigung genug sein. Die Perspektiven, aus denen die Künstler sich dem Thema nähern, sind völlig unterschiedlich geartet. Da gibt es jene, die sich selbst als Fans outen. Robert Lippok ist so einer. In einer interaktiven Installation hat er den Text von Bohemian Rhapsody der Gruppe Queen auf Marimba-Hölzer gedruckt, die der geneigte Besucher mit dem nötigen Rhythmusgefühl zum Klingen bringen kann. Andere verewigen ihre Idole in Öl oder Acryl oder treten selbst als Musiker in Erscheinung.

 Die Mehrzahl der beteiligten Künstler hat sich der Reflexion des Sujets verschrieben. Bettina Pousttchi etwa widmet ihre Fotoserie einem Heavy-Metal-Fan, der mit Gitarre im Anschlag in seinen vier Wänden den wilden Rockstar markiert. Susanne Bürner zeigt im Video verzückte Gesichter von Konzertbesuchern im Wandel der Zeiten, in einem abgedunkelten Raum zieht Jeremy Shaw den Besucher mit einer Doppelprojektion direkt in ein Konzertgeschehen hinein.

 Tiefschürfende Ansätze wie in der Sammlung Burmeister, die ein Dossier der Staatssicherheitspolizei zu den Auftritten von Depeche Mode und ihren Fanklubs in der DDR präsentiert, gibt es auch. Meist zeichnet die Exponate jedoch der Hang zur (skurrilen) Leichtigkeit aus. I can`t get no satisfaction nennt Sarah Schönfeld ihre Inszenierung mit Champagnerflasche und Fön. Letzterer pustet Heißluft in den Flaschenhals, der diese Wohltat mit einem summenden Ton vergilt. Und Moritz Götze stellt eine Skulptur aus geschmolzenen Vinyl-Rohlingen, die in ihrer schlaffen Weichheit an ein Dalí-Gemälde denken lässt, einem Regal mit fiktiven Plattencovern gegenüber.

 „Ich bin selbst kein kekstrockener Kunsthistoriker. Die Dinge, die ich bearbeite, müssen schon mit mir zu tun haben“, sagt der gebürtige Leipziger Christoph Tannert. Entsprechend hoch ist die Dichte der Künstler aus Berlin und dem ehemaligen Osten. Der älteste Teilnehmer der zwei Generationen umfassenden Schau kommt indes aus Japan. Keiichi Tanaami, Jahrgang 1936, brachte nach einer Begegnung mit Andy Warhol die amerikanische Pop Art in sein Land. Seine Plattencover aus den späten 60ern für The Monkeys und Jefferson Airplane sind legendär...

 Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Str. 31. Eröffnung heute, Fr., 19 Uhr. Bis 13. November. Di, Mi, Fr 10-17, Do 10-19 Uhr. Sa, So 11-17 Uhr. Katalog und Filmprogramm begleiten die Ausstellung. Infos unter www.stadtgalerie-kiel.de

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