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Die Welt, durchs Glas betrachtet

Peter Wawerzinek Die Welt, durchs Glas betrachtet

Mit seinem neuen Roman „Schluckspecht“ geht Peter Wawerzinek auf Distanz zu sich selbst und zur Sucht. Nun gab er eine Lesung im Literaturhaus Schleswig-Holstein.

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Autor Peter Wawerzinek im Kieler Schwanenweg.

Quelle: Björn Schaller

Kiel.. „Werd’ mir nur kein Schluckspecht!“ Eindringlich warnt die Pflegemutter den elfjährigen Ziehsohn, um ihn kurz darauf die verführerischen Düfte der selbst produzierten Rumtöpfe kosten zu lassen. Entsprechend unbeherzigt bleibt ihr Rat. Peter Wawerzinek, 1956 in Rostock geboren und als Zweijähriger von seiner Mutter verlassen, legt eine Trinkerkarriere hin, wie sie im Buche steht. Nach abgebrochener Lehre als Textilzeichner und zahlreichen alkoholgetränkten Gelegenheitsjobs folgt eine Etappe als Mitropa-Kellner, bei der er die Bahnreisenden der DDR gegen reichlich Eierlikör und Schampus mit seinem parodistischen Talent unterhält. Während der 80er Jahre macht er als Performance-Künstler und Stegreif-Poet in der Ostberliner Literaturszene von sich reden, dabei hat der Alkohol ihn bis 2003 fest im Griff.

 Heute kann Peter Wawerzinek damit leben. Nach seinem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Roman Rabenliebe (2010), in dem er sein traumatisches Mutterbild beackert, hat er mit Schluckspecht (2014) seine Trinkerbiographie aufgearbeitet. Schonungslos, im Rückblick jedoch auch mit einer großen Portion Selbstironie dekoriert, beschreibt er seine Liebe zum Rausch, seinen Absturz in die Sucht und den Kampf, sich daraus zu befreien. Im Rahmen des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung stellte der Wahl-Berliner den mit fiktiven Elementen durchsetzten Roman im Literaturhaus vor.

 „Ich wollte kein abschreckendes Buch schreiben, eher eine Alternative zu den üblichen wissenschaftlichen Ratgebern“, erzählt Wawerzinek. Den Roman sieht er auch „als Danksagung“ an Gert Gebig, Leiter der Reha-Klinik für Alkoholkranke in Wewelsfleth, wohin es den Autor vor 12 Jahren verschlagen hatte. Im Buch bleibt „der Doktor“ namenlos. Tante Luci, wie die Pflegemutter hier heißt, packt ihren zu diesem Zeitpunkt reichlich verwahrlosten Schützling kurzerhand ins Auto und liefert ihn bei dem Arzt ab, denn sie weiß, so kann es nicht weitergehen.

 Im wahren Leben animierte ihn ein Freund dazu, sich in Wewelsfleth für das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste zu bewerben, was Wawerzinek prompt bekam. Die Sucht wollte er damals loswerden („Ich sah die Welt nur noch durch das Glas, um sie auf Distanz zu halten“), die Freude am Alkohol aber nicht. „Ich bin auf Gebig zugegangen und habe gesagt, ich sei ein viel zu neugieriger, sinnlicher Mensch, um wirklich trocken werden zu wollen.“ Eine Reduzierung des täglichen Konsums war das Ziel, seine Hoffnung, es in wenigen Monaten zu erreichen, illusorisch. Fünf Jahre hat es gedauert, bis Peter Wawerzinek es schaffte, „nach drei Drinks aufzuhören.“ Den Luxus gönnt sich der Stadtschreiber von Klagenfurt (2011) und Magdeburg (2015) bis heute. Wie es scheint, kommt er bestens damit zurecht.

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