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Auftritt mit der Studentenkantorei

Philharmonischer Chor Kiel Auftritt mit der Studentenkantorei

„Das Problem für uns Dirigenten ist, dass wir in dem Moment trotzdem die Kontrolle behalten müssen“, sagt Gerhard Markson und meint den berühmten Pianopianissimo-Einsatz des Chores am Ende von Gustav Mahlers monumentaler Auferstehungssymphonie.

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Gerhard Markson leitet im Kieler Schloss Gustav Mahlers Zweite Symphonie.

Quelle: Korbel

Kiel. Am kommenden Sonntagvormittag und Montagabend wird er sich wieder zusammenreißen müssen, denn dann mischen sich unter seiner Leitung die jungen Stimmen der Studentenkantorei mit den Profis des Opernchores und den Mitgliedern des Philharmonisches Chores Kiel zum überhöhten Klopstock-Hymnus.

 „Mahler stellt doch die Frage Nummer Eins von jedem Lebewesen: Warum muss ich sterben, und was passiert, wenn ich gestorben bin?“ Wer das jemals unter Leitung des todkranken Abbado in Luzern gesehen habe, sei tief bewegt davon, so Markson. „Mahler war selber ein gequälter Mensch auf allen Ebenen. Mit genialer Melancholie führt er schon in der Zweiten Symphonie vor, dass zu Anfang des 20. Jahrhunderts etwas ganz Wesentliches zu Ende geht.“ Die anderen Teile des Werks thematisieren „die andere Seite, die schmerzliche Auseinandersetzung mit allem“. Schon der Beginn klinge, „als springt ihnen jemand an die Gurgel“. Der zweite Satz, ein Schubert nahe stehender Ländler, wirke „als würden wir etwas hören, das längst unwiederbringlich verloren gegangen ist. Und den dritten Satz könnte man lustig finden, aber lustig gibt es bei Mahler nicht: irgendwo sitzt ein Stachel, schmerzhaft grotesk.“

 Markson, der in Freiburg lebt, wo seine Frau seit vielen Jahren eine Ballett-Schule leitet und wo er am Theater als Erster Gastdirigent regelmäßig eine Opernproduktion (zuletzt Verdis Troubadour) und ein Symphoniekonzert leitet, weiß bei Mahler spürbar genau, wovon er bewundernd schwärmt. Einmal hat er in Dublin sogar alle zehn Mahler-Symphonien innerhalb einer Saison aufgeführt – die Achte abschließend in der Eishockey-Halle.

 Eingesprungen ist Markson für den gesundheitsbedingt bis zum Saisonende nicht dirigierfähigen GMD Georg Fritzsch, der einst sein Nachfolger in Hagen wurde. „Aber kennengelernt habe ich ihn schon früher: Da war Fritzsch noch Solo-Cellist in Gera und überraschte mich mit Fachfragen zu Tempoübergängen im Finale von Dvoráks Sechster. Später konnte ich ihn dann überreden, sich als mein Nachfolger zu bewerben – und er wurde prompt zum Wunschkandidaten der fusionierten Klangkörper am Theater Hagen und in Südwestfalen.“ Seitdem ist der Draht kurz zwischen den Kollegen. Fritzsch gastierte an der Opera of Ireland und bei der National Symphony in Dublin, wo Markson jahrelang Chef war. Markson dirigierte 2007 in Kiel Beethovens Siebte.

 Jetzt aber Gustav Mahlers monumentale Zweite Symphonie. Markson: „Wir Nichtgenialen suchen dabei immer nach Konkretem wie der Aussage, Mahler habe hier ahnungsvoll den Ersten Weltkrieg vorweggenommen – aber die Sache ist viel subtiler: Er hat gespürt, dass der musikgeschichtliche Faden vom Mittelalter bis in seine Zeit brüchig wurde.“ Der Igor-Markevich-Schüler, der am Pult der Philharmoniker dessen Sohn Oleg Caetani folgt, zieht den Vergleich zu Strawinskys Sacre du Printemps von 1913: „Kaputtmachen kann jeder Trottel, aber im Zerschlagen zugleich etwas Neues zu schaffen, das ist den wenigen Genies vorbehalten.“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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