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Philharmonischer Tanzreigen

Gastdirigent Edmon Colomer im Gespräch Philharmonischer Tanzreigen

Am Ende der Probe herrschte am Donnerstag spürbar Dankbarkeit im Kieler Schloss. Der überaus freundlich-sympathische Katalane Edmon Colomer hat kurzfristig anstelle von Pedro Halffter die musikalische Leitung der beiden Philharmonischen Konzerte am Sonntagmorgen und Montagabend übernommen.

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Edmon Colomer springt für Pedro Halffter ein.

Quelle: Weber

Kiel. Dass der versierte 63-Jährige sich dabei auch komplett auf das geplante Programm eingelassen hat, zaubert ihm selbst ein verschmitztes Wer-wagt-gewinnt-Lächeln ins Gesicht. Manuel de Fallas Dreispitz-Ballettsuite und den Ravel-Bolero schüttelt der spanisch geschulte Maestro selbstverständlich aus dem Ärmel. Aber die Uraufführung des neu gefassten Schlagzeugkonzertes Dance of the century aus der Feder von Meng Ke und dem „chinesischen Grubinger“, Schlagzeug-Star Biao Li, und die ihm unbekannte Rarität Ferruccio Busonis Tanzwalzer musste er sich kurzfristig zutrauen.

An der mitreißenden Außenwirkung des Konzerts hat Colomer keinerlei Zweifel: „Es ist stark beeinflusst von allseits bekannter amerikanischer Filmmusik und spielt mit verwestlichten chinesischen Pentatonik-Harmonien.“ Mehr Lust hat der Dirigent allerdings, über Busonis „meisterlichen“ Walzer, zu schwärmen. In Anlehnung an die Wiener Johann-Strauß-Dynastie bündelte der legendäre Pianist, Essayist und Pädagoge eine Tanzfolge. „Das geschah spürbar nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und erinnert sich nach einer düsteren, harmonisch kühnen Einleitung wehmütig und leicht sarkastisch an eine verloren gegangene bessere Welt.“ Da sei tatsächlich eine Nähe zu Ravels ebenfalls 1920 entstandenem Endzeittaumel La Valse zu spüren.

Stärker als Kurse bei den allemal beeindruckenden Persönlichkeiten Hans Swarowsky und Sergiu Celibidache fühlt sich Edmon Colomer durch seinen Lehrmeister in Barcelona, Antoni Ros-Marbà, geprägt. „Man kennt ihn in der Musikwelt vielleicht nicht so gut, aber er brachte mir als Celibidache-Schüler dessen Geist näher als der sperrige Meister selber.“ Am meisten aber schulte Colomer die langjährige aktive Zusammenarbeit mit Orchestern. Im Rückblick sieht er die Gründung des nationalen spanischen Nachwuchsorchesters Joven Orquesta Nacional de Espana als sein bedeutendstes Projekt an, die ab dem Jahr 1983 zur dringend notwendigen Öffnung seines Heimatlandes wesentlich beigetragen und allmählich eine instrumentale Ausbildungskultur entwickelt habe, die heute vielen jungen Spaniern in Orchesterakademien wie beim SHMF und sogar in Spitzenorchesters Türen öffne. „Wir waren das erste spanische Orchester überhaupt, das bei den Proms in London auftreten durfte. Ich bin sehr glücklich, das Projekt zum Erfolg geführt zu haben.“

Besonders gerne erinnert sich der Maestro ansonsten auch an Ballett-Projekte mit Maurice Béjart – zum Beispiel am Pariser Palais Garnier: „Das war phantastisch – in einer Ausstattung von Picasso“. Im kommenden Sommer wird er am legendären Gran Teatre del Liceu in seiner Heimatstadt Barcelona zwei Opernraritäten dirigieren: Luigi Dallapiccolas Il Prigionero und Puccinis Suor Angelica. „Beide handeln in verschiedener Hinsicht vom Frieden.“

Doch nun erstmal Spanisches in Kiel, wo Colomer zum allersten Mal ist. „Manuel de Falla ließ sich inspirieren von der Musik seines Volkes. Doch gibt es tatsächlich hinter den vordergründigen Folklorismen in der Melodik, Rhythmik und Harmonik eine weitere, symphonische Dimension,“ so Colomer. „Es ist eine kunstvolle Transformation der folkloristischen Natürlichkeit. Und mit ihr wird die Balletthandlung über die spanischen Tanzformen erzählt“. Im gesamten Ballett seien sogar alle vertreten, in der Suite immerhin etwa die Hälfte. Gibt es ein Geheimnis, wie man die Tänze dirigieren muss? „Nun“, zögert Colomer keine Sekunde und singt eine kleine Sequenz vor, „Leute, die spanische Tänze von außen betrachten, denken, es gäbe nur ein einziges ’typisches’ Bewegungsmodell bei uns ... Und unsere Komponisten benutzen es auch gerne, weil es so schön Effekt macht – auch de Falla, versteht sich. Aber die ganze Wahrheit ist das natürlich nicht. Und gerade auch in der Dreispitz-Musik steckt viel mehr.“ Der Franzose Maurice Ravel dagegen, der nie in Spanien war, habe das Flair der spanischen Folklore durch seine Mutter lieben gelernt. „Aber im Bolero oder in vielen anderen spanisch kolorierten Werken hat er die Bewegungsmodelle vor allem aufgegriffen, um eine eigene, neue Welt des Klangs zu erfinden, Spanisches, französisch eingebettet in einem impressionistischen und symbolistischen Konzept.“

 Konzerte am Sonntag, 13. April, 11 Uhr, und Montag, 14. April, 20 Uhr, im Kieler Schloss. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion