14 ° / 10 ° Regen

Navigation:
Wiener Tradition ohne Schmäh

Philharmonisches Konzert Wiener Tradition ohne Schmäh

Beim philharmonischen Konzert im Kieler Schloss wurde Solist Michael Martin Kofler so stark gefeiert, dass er am Sonntagvormittag Debussys legendäres Solostück Syrinx zugab.

Voriger Artikel
Kinderabenteuer "Ritter Trenk" feiert in Hamburg Premiere
Nächster Artikel
So cool, so berührend

Philharmonisches Konzert im Kieler Schloss mit Florian Krumpöck und dem Solisten Michael Martin Kofler

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Ja, im Hintergrund der drei Werke, die beim gefeierten 2. Philharmonischen Konzert im Kieler Schloss erklingen, steht unverkennbar Wien: Mozarts Flötenkonzert D-Dur KV 314 darf – obgleich in Mannheim komponiert – als waschechtes Beispiel der sogenannten Wiener Klassik gelten. Die Orchestration, die der in Wien geborene Arnold Schönberg Johannes Brahms‘ 1. Klavierquartett op. 25 verpasste, betraf ein Werk, mit dem der gebürtige Hamburger und spätere Wahlwiener Brahms seinen ersten Erfolg in der Donaumetropole feierte. Und die in Wien komponierte Sinfonietta op. 23 des Wieners Alexander Zemlinsky ist ein modern eingedampftes spätes Echo des Wiener Fin de Siècle.

Zum Glück tischt der 1978 – wir ahnen es – in Wien geborene Gastdirigent Florian Krumpöck keinen Wiener Schmäh, keine sentimentalen Verschleppungen, kein orchestrales Naschwerk auf, sondern geht zielbewusst, energisch, sachdienlich vor. Das bekommt gleich Zemlinskys Sinfonietta bestens. Mit eindeutigen, vorausdenkenden Gesten leitet der Dirigent das gut disponierte Philharmonische Orchester Kiel durch die heikle Partitur. Die rhythmischen Finessen und Charakterwechsel des 1. Satzes und der dunkel-verlockende Balladenton des Mittelsatzes sind fesselnd gestaltet. Auch wenn das Finale vielleicht ein wenig abfällt, imponieren Stück und Aufführung enorm.

Stark gefeiert wird in Mozarts Flötenkonzert Solist Michael Martin Kofler, sodass er am Sonntagvormittag Debussys legendäres Solostück Syrinx zugibt. Da ist die Irritation über Koflers anfangs stark flackerndes Luftstrom-Vibrato längst der Freude über sein Spiel gewichen. Das prahlt nicht mit kalter Perfektion, sondern singt, parliert und charmiert. Nie ist Virtuosität Selbstzweck, sondern stets Mittel zum Zweck „sprechenden“ Musizierens.

Welch schlimme Pianisten Arnold Schönberg wohl in Wien, Berlin und in den USA mit Brahms‘ g-Moll-Klavierquartett gehört hat? Er fand sie alle zu laut. So orchestrierte der 1933 vor den Nazis in die USA geflohene Komponist das Werk 1937, um „einmal alles“ zu hören, was darin stecke. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat! Streckenweise klingt seine Bearbeitung wirklich sehr nach Brahms. Und wenn Krumpöck auch hier eher zügige Tempi wählt, nimmt das erneut für ihn ein und nützt der Musik. Dass Schönbergs hochdifferenzierter Orchestersatz ab und zu recht lärmig wird, können der Dirigent und das ebenso stark geforderte wie stark spielende Orchester indes nicht verhindern. Und bei den Temposteigerungen am Schluss des Rondo alla zingarese hört man eben doch zwangsläufig weit „weniger“ als im Original. Wenn es freilich nach dem schmissigen Finale, das eine Art riesigen Ungarischen Tanz darstellt, vehementen Beifall für Orchester und Orchesterleiter gibt, ist das vollauf berechtigt!

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3