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Leidensstolz und Klanggewitter

Kieler Philharmoniker Leidensstolz und Klanggewitter

Die Philharmoniker verabschieden sich in sehr guter Form vom begeisterten Konzertpublikum in die Sommerpause: Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch und mit dem Bariton-Solisten Tomohiro Takada erklingen Werke von Bruckner und Mahler im Kieler Schloss.

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Der Solist Tomohiro Takada.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Wie betäubt unter dem Lindenbaum liegend, mit dem glühenden Messer verschmähter Liebe in der Brust wandelt sich Gustav Mahlers „fahrender Geselle“ zum weltflüchtigen Traumtänzer. Und wer die anspruchsvollen Orchesterlieder interpretiert, dem ist vom selber schwer liebeskranken Komponisten dabei auch noch ausdrücklich Sentimentalität verboten. Diese Quadratur des Kreises fordert zudem eine Baritonstimme, die vom brennenden Aufschrei bis zum schwärmerischen Pianissimo-Höhenflug alles bietet.

Tomohiro Takada, seit Herbst 2007 Ensemble-Mitglied an der Oper Kiel, bringt das Geforderte sogar zu sängerunfreundlicher Zeit ins letzte philharmonische Sonntagskonzert der Saison mit. Der Japaner trifft sehr schön den typischen „Leidensstolz“ der Kunstlied-Figur, der sich ungläubig selber die Frage stellt: „Nun fängt auch mein Glück wohl an?!“ Sein bassgrundierter Bariton gleitet mühelos vielfarbig, mit guter Diktion und nur wenigen Deutschverfärbungen durch den Part.

Und er wird sehr feinsinnig eingehüllt in eine licht aufgefächerte Orchesterlandschaft, die Generalmusikdirektor Georg Fritzsch dirigiert. Vom süßen Seufzer bis zum harten Handkantenschlag des Schicksals, vom Melodiestrom bis zum tödlich dumpfen Tamtam-Dröhnen liegt hier alles ausdrucksvoll offen.

Im für Kieler-Woche-Verhältnisse recht gut besuchten Kieler Schloss taucht das Todesmotiv nicht nur beim jungen Mahler, sondern nahezu zeitgleich auch beim reifen Anton Bruckner auf (der, wie unser aufmerksamer Leser, der Wiener Bruckner-Forscher Uwe Harten, mir dankenswerterweise nachgewiesen hat, wohl entgegen der vielfachen Behauptung doch nie unmittelbar dessen Lehrer war). Im Adagio seiner Siebten Symphonie setzt er dem tief verehrten Richard Wagner einen tönenden Gedenkstein, indem er die für den Ring des Nibelungen entwickelten, immer etwas schwerfällig ansprechenden Wagner-Tuben trauerchoralartig einbindet.

GMD Fritzsch und den derzeit Ring-gestählten Philharmoniker gelingt dieses cis-Moll-Herzstück der E-Dur-Symphonie (ohne den umstrittenen Beckenschlag zum Höhepunkt übrigens ...) tatsächlich „sehr feierlich“. Der Dirigent erweist sich einmal mehr als durchdacht bedächtiger Bruckner-Gestalter mit viel Sinn für die dynamischen Stufen. Er lässt den Kopfsatz sämig und auffällig gebremst beginnen, um den gewaltigen Steigerungen nicht zu früh den Wirkungsgrad zu nehmen. Das Klanggewitter des Scherzos pulsiert bewegt und bekommt im Trio einen tatsächlich „gesanglich“ aufgefassten Mittelteil. Und im Finale wird dann mit voller Wucht und Prägnanz alle aufgestaute Energie endgültig frei.

Die Philharmoniker mit stimmig stereophon links und rechts verteilten Violinen, dem kernigen Solo-Horn von Victor Sokolov und den lyrischen Glanzlichtern von Ulla Freimuths Solo-Flöte verabschieden sich jedenfalls in sehr gut austarierter Form vom begeisterten Konzertpublikum in die Sommerpause.

 

Das Konzert wird am 20. Juni um 20 Uhr im Kieler Schloss wiederholt. Einführung 45 Minuten vor Beginn. Karten: 0431 / 901 901 und Abendkasse. www.theater-kiel.de und www.musikfreunde-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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