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Der Spielsüchtige

Philipp Hochmair beim Thespis Festival Der Spielsüchtige

Mittlerweile arbeitet er frei – und gehört trotzdem weiterhin zu den Schauspielstars an der Wiener Burg und am Hamburger Thalia Theater: Philipp Hochmair, 1973 in Wien geboren, am Max-Reinhardt-Seminar bei Klaus Maria Brandauer studiert und auch im Fernsehen eine feste Größe. Im Rahmen des Monodrama Festivals Thespis zeigt der Extremschauspieler in Kiel seine Version des „Jedermann“. Und gab vorher Auskunft über die Lust am Spielen und am Rebellieren.

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Bei Thespis bringt Philipp Hochmair morgen den Jedermann auf die Bühne.

Quelle: Ela Angerer

Hamburg. Wenn Sie spielen, hat das eine enorme Intensität – egal, ob das ein Textgebirge von Elfriede Jelinek ist, oder Hamlet, der Räuber Franz Moor, Dorfrichter Adam. Mögen Sie jede Rolle?

 Ja klar, ich liebe das. Und zwar alles!

 

 Der Regisseur Nicolas Stemann hat Sie als Schauspieler mal einen „Triebtäter“ genannt.

 Das ist die perfekte Beschreibung. Ich bin süchtig nach dem Spielen. Es geht darum, eine vorhandene Begabung sinnvoll zu nutzen, anstatt weiter die Welt zu nerven.

 

 Nur die Welt oder auch sich selbst?

 So ähnlich. Wenn die Armee meiner Sinne nicht beschäftigt ist und die Armee Blödsinn macht, ist das nicht lustig. Die Armee will spielen, Texte verkünden, sich in ein Verhältnis zur Welt setzen.

 

 Beim Monodrama Festival In Kiel zeigen Sie Ihre Version des „Jedermann“ …

 Ich liebe diese Aufführung und spiele sie, so oft ich kann.

 

 Was lieben Sie an dem Jedermann, dieser mittelalterlichen Mysterienfigur?

 Die Figur ist mir gar nicht so wichtig; ich finde den Text toll. Dass ein mittelalterlicher Text das Leben unserer Zeit so auf den Punkt trifft. Der beschreibt ja ganz klar diese kapitalistischen Bewegungen, die Gier nach Geld und Besitz, die eigentlich nirgends hinführt. Und die Frage, woran glaubt man, die erscheint mir heute zentraler denn je.

 

 Zuerst haben Sie das Stück am Thalia Theater mit der Musikerin Simonne Jones gespielt. Jetzt treten Sie mit einer eigenen Band auf. Warum die Veränderung?

 Ich möchte den Text in anderen Ländern und an anderen Orten spielen, im Schwimmbad oder im Park. Es ist einfach interessant, wenn man ein gutes Stück hat und das in der ganzen Welt zeigen kann. Ich will da nicht vom Rhythmus des Staatstheaters abhängig sein. Außerdem stand ich im Thalia mit einer amerikanischen Musikerin auf der Bühne. Das war theatral interessant, aber sie kannte den deutschen Text nicht, konnte mit mir nicht kommunizieren. Also habe ich eine Band gegründet, mit der ich das Stück weitertreiben kann. Das passiert nicht so oft, dass sich ein Schauspieler auf eigene Initiative und auf eigene Kosten eine Reiseversion überlegt ...

 

 „Jedermann“ ist aber nur eins in einer ganzen Reihe von Soli …

 Werther!, Amerika, Lenz – ich entwickele meine eigenen Sachen.

 

 Was reizt Sie am Monolog-Stück?

 Es ist wirklich ein Geschenk. Man hat alles unter Kontrolle, kann das Stück selbstverantwortlich verändern, es den Umständen gemäß entwickeln oder umdeuten. Am Theater sollen die Stücke ja nach der Premiere möglichst so bleiben, wie sie da auf die Bühne gekommen sind – dabei wächst so ein Stück ja, indem es über Jahre läuft. Und diesen Wachstumsprozess sollte man zeigen.

 

 „Werther“ haben Sie 1500 Mal gespielt – was können Sie dem Text noch abgewinnen?

 Ich habe Werther vor 20 Jahren als Premiere im Klassenzimmer gespielt – vor 30 Schülern. Jetzt spiele ich es am Berliner Ensemble vor 98 Zuschauern. Allein diese geografische Bewegung von der Schule auf eine Staatstheaterbühne evoziert eine Veränderung. Und die Lust an der Sache ist doch, den Esprit eines Klassenzimmers ins BE zu bringen. Da befruchtet sich das System, indem man die Radikalität und die Freiheit der Off-Welt in die On-Welt hineinbringt. Letztes Jahr haben wir auch eine französischsprachige Version entwickelt, die in Paris läuft. Das ist schon ein Culture Clash. Insgesamt also eine Art Rock’n’Roll im Establishment. Ich nutze das Establishment, um die Freiheit auszubauen.

 

 Sie sind ein Theaterrebell. Es war vermutlich kein Zufall, dass Sie um 2000 in der Gruppe Stemann gelandet sind?

 Nicolas Stemann habe ich am Max-Reinhardt-Seminar kennengelernt, dort haben wir zusammen die Gruppe gegründet.

 

 Was war Ihr Antrieb?

 Wir wollten im Theater unseren eigenen Weg gehen, uns nicht den vorgegebenen Strukturen anpassen. Das war der Beginn einer großen Entwicklung …

 

 Sie haben sogar in Elfriede Jelineks Texten das Spielpotenzial entdeckt.

 Jelineks Textgebirge in dem Stück „Babel“zu erobern, war ein extremes Erlebnis. Jelinek hat sich damals in den Zeiten von Haider gegen die Aufführung gesperrt. Dann kam Nicolas Stemann, hatte die Chuzpe zu sagen, er möchte das wieder machen und hat eine ganz neue Lesart dafür erfunden. Und ich war dabei. Aber das ist jetzt 15 Jahre her; heute habe ich mich neu definiert, neu erkannt. Und jetzt kann ich mich erstmal im Film ausbreiten.

 

 Da sind Sie mittlerweile häufiger zu sehen als auf der Bühne.

 Stimmt. Gerade lief im Fernsehen „Solo für Weiss“. Demnächst startet Klaus Händls Kinofilm „Kater“, der in der Berlinale einen großen Preis gewonnen hat. Außerdem drehe ich die dritte Staffel „Vorstadtweiber “. Ich habe 20 Jahre exzessiv Theater gespielt – aber habe ich die Gelegenheit, mich auch im Film zu entwickeln …

 

 Inwiefern ist der Film für Sie im Moment inspirierender?

 Das ist einfach eine ganz neue Erfahrung. Die Reise geht nach innen, nicht nach außen wie auf der Bühne. Man kann zum einen besser in sich hineinschauen, aber auch im Nachhinein das Resultat besser begutachten. Der Wahn, in dem man sich auf der Bühne befindet, der macht einen blind. Ich habe außerdem das Gefühl, Theater kann man nicht ewig spielen, jedenfalls nicht in der Exzessivität, mit der ich das mache. Mit drei, vier Vorstellungen im Monat komme ich gut zurecht – aber 25 kann ich nicht mehr aushalten.

 

 Was tun Sie, um nach einer Vorstellung runterzukommen?

 Meistens kochen. Oder in die Natur gehen. Ich wohne in Hamburg an der Elbe, da kann ich endlos laufen.

 

 Sie spielen in „Vorstadtweiber“ den Minister, Mörder und Kanzleramtsanwärter Schnitzler. Was halten Sie von der Figur?

 Für mich ist der undurchschaubare Politiker Schnitzler der Mephisto in der Serie. Den Mephisto am Thalia habe ich jetzt fünf Jahre lang gespielt, warum ihn also nicht jetzt in so einer Sozialsatire ausprobieren? Das ist doch ein toller Dialog zwischen Theater und Film. Da wird keine Grenze gezogen, da werden zwei Kräfte zusammengelegt.

 Von Ruth Bender

 „Jedermann Reloaded“: Mi, 16. November, 20 Uhr, Schauspielhaus Kiel. Kartentel. 0431/901901. www.theater-kiel.de

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