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Pianist Bulva: Erhabene Klarheit

Ansgar-Kirche Kiel Pianist Bulva: Erhabene Klarheit

Der Name Josef Bulva fällt heute selten ohne eine „Was wäre, wenn“-Frage. Was wäre gewesen, wenn sich der heute 72-jährige Pianist Mitte der Neunzigerjahre seine linke Hand bei einem Unfall nicht so schwer verletzt hätte, dass an eine Fortsetzung seiner Karriere sehr lange nicht zu denken war? Wahrscheinlich wäre die durchaus ansehnlich besuchte Ansgar-Kirche dann am Sonnabend ausverkauft gewesen.

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 Der Begriff „Analytiker“, der ebenfalls verlässlich mit dem Namen Joseph Bulva fällt, kommt einem bei seinem Konzert keinesfalls zwangsläufig in den Sinn.

Quelle: Antolino

Kiel. Auf Einladung der Musikfreunde Kiel ist einer der wohl komplettesten Pianisten der Gegenwart hierhergekommen, um ein durch und durch faszinierendes Zeugnis seiner Kunst abzulegen.

Der Begriff „Analytiker“, der ebenfalls verlässlich mit dem Namen Bulva fällt, kommt einem bei seinem Konzert keinesfalls zwangsläufig in den Sinn. Eher entsteht der Eindruck, dass dieser ernsthafte ältere Herr auf dem Podium bei seiner Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethovens 13. Klaviersonate Es-Dur op. 27 Nr. 1 die interpretatorische Tiefe anstrebt, die nötig ist, um das komplexe und viel gespielte Werk völlig unverbraucht klingen zu lassen. Die Variationen des Anfangsthemas im ersten Satz gestaltet er mit vollendeter Piano- und Piansissimo-Kultur, setzt die folgenden Sechzehntelketten dann in einen ebenso strengen wie organisch wirkenden Kontrast und hält auch im weiteren Verlauf seiner Interpretation stets eine frappierende Balance zwischen Ruhe und Dynamik. Die Musik strahlt so erhabene Klarheit aus, ihr bleibt Raum zum Atmen – und dem Zuhörer nichts anderes als zu staunen über so viele neue Details in einem bekannt geglaubten Werk.

Die gleiche musikalische Illuminationskraft geht danach auch von Beethovens 23. Klaviersonate f-Moll op. 57 aus. Josef Bulva präsentiert sie mit kristalliner Intelligenz, setzt seine stupende Technik erneut für erstaunliche Beschleunigungs- und Tempostudien ein, wobei seine Virtuosität nur die Basis für sein hoch ausdifferenziertes Raffinement in der Gesamtgestaltung der Appassionata bildet. Dabei darf man einen Pianisten beobachten, der sich bei seiner Interpretation deutlich als Erlebender zeigt, zugleich aber den angenehm uneitlen Anspruch verfolgt, das Werk ganz für sich sprechen zu lassen. Mit großem Applaus reagiert das Publikum bereits zur Pause auf diese Meisterschaft.

Es wundert nicht, das Bulva auch bei seiner Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate B-Dur KV 570 in der zweiten Konzerthälfte eine tönende Gedankentiefe erreicht, die der vorletzten Klaviersonate des Komponisten gut zu Gesicht steht. Wo ihre musikalischen Buchstäblichkeiten bei anderen Pianisten mitunter leicht banal klingen, wirkt hier jeder Ton essentiell. Erfrischend dabei, dass der Tscheche seine Deutung am Ende überraschend keck abschließt. Frédéric Chopins Sonate Nr. 2 b-Moll op. 35  schließlich gerät zu einem Musikdrama, dessen Bestandteile von ihm sehr genau und doch trotzdem ganz im Fluss betrachtet werden. Hoch erstaunlich der Trauermarsch, den der sonst eher sportlich aufspielende Bulva in aller Ruhe auskostet. Auch wenn er zu den schnellsten Klavierspielern der Gegenwart gehört, wie sein phänomenaler Parcours durch Franz Liszts Mephisto-Walzer Nr. 1 als erste Zugabe zeigt: Geschwindigkeit ist bei Joseph Bulva kein Selbstzweck. Und deshalb dauert Chopins Minutenwalzer danach auch fast zwei Minuten, bevor sich das Publikum mit Beifallsstürmen, Bravi und Standing Ovations bei ihm für einen großen Abend bedankt.

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