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„Scheitern ist eh’“

Piet Klocke im Kieler Metro-Kino „Scheitern ist eh’“

„Dass es noch Zettel gibt – ich find’ das so toll...“ Schwer, sich den grandios-fahrigen Komiker Piet Klocke anders als blätternd und wurschtelnd vorzustellen.

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Fantasiert die Unbilden der Zeit liebevoll zur Groteske um: Piet Klocke.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Ob im Buch oder eigenen Kopf: Tippen und Wischen kommt bei ihm nach wie vor als pointierter Zeigefinger oder pantomimisch die innere Tafel säubernde Verwerfgeste vor, auch wenn der Mann natürlich mit den elektronischen Unbilden der Zeit voll vertraut ist. Applaus? „Das macht man doch heute nicht mehr“ kommentiert er – „Herrschaften, Hallooo!“ – die steten Unterbrechungen von unten, er habe dafür eine App.

 Deren „Update“ erfolgt nach wie vor live, denn den Mann muss man bekanntlich, wie er selbst sagt, sehen. Richtig. Und auf Einladung von Andreas Jung Entertainment ins Metro-Kino im Schlosshof zur Präsentation seines neuen Buches Kühe grasen nicht, sie sprechen mit der Erde regiert noch immer der Gestus des akademischen Sympathieträgers alter Schule, der einen ihn selbst verblüffenden Vortrag halten soll. Wer mit freundlichem Interesse über Nacht an Bäumen gewachsene Teebeutel bestaunt, kann kein Unmensch sein. Wer sich Tauben als zur elektronischen Überwachung von Plätzen eingesetzt auf einem Bein vorstellt, ist mehr als ein Tierversteher. Lacher? „Bitte, das muss unter uns bleiben“. Nachgluckser? Strenger Blick von oben.

 „Hat jemand Fragen?“. Nein. Die Konsumenten im vollen Hause sind sprach-, wenn auch nicht lautlos. „Ist das Mittagstisch?“ fragt er einen Esser im Auditorium. „Chips“ kommt es einsilbig zurück. „Dafür brauchen Sie eine Fernbedienung“ weiß Klocke und kommentiert wiederholtes Gläserklirren mit „Haben Sie schon gezahlt? Herr Ober?“, um später einem Räusperer überraschend ein Bonbon oder Schnipselchen zuzuwerfen – Studienratshabitus gegen holsteinische Schludrigkeit.

 „Die momentane Lage? Da denkt man ja auch: hä? Aber wie gesagt, man nennt das ja auch Zivilisation“, unkt Klocke, der frei assoziierend Krötenwanderungen, selbstfahrende Autos oder Sex mit Hyperaktiven thematisiert, das Internet ausdrucken möchte und Google-Sprachübersetzungen aus dem Indischen über Seafood-Restaurantbewertungen in absurder Grandezza zum Besten gibt. All dem wohnt großer Ernst und eine gewisse Verzweiflung inne, denn Klocke, sicherlich würdigster Nachfolger Loriots, ist kein Büttenredner des Bildungsbürgertums, der den Geistreichtum seines sich verzettelnden Intellekts vorführt und das reife Publikum mit seinen typischen Auslassungen und Anspielungen von oben herab amüsiert. Kein humanistischer Gutmensch-Clown, dem (auch Herzens-)Bildung im Spätkapitalismus nichts (mehr) nützt. Er ist in teils kalauernden Sentenzen („Du musst dir heute nichts mehr überweisen“) oder tiefgründig klugen Aphorismen („Inkognito, ergo sum“) ein hinreißender Philosoph und Phänomenologe, der wie in Notwehr Humor als Tugend und Überlebensstrategie postuliert.

 Und was seinen beiläufig kopfschüttelnd aus dem Buch gepickten Beiträgen fast unmerklich gemurmelt folgt, lautet: „Scheitern ist eh“ und „Och, es ist ja auch so, dass manche in der falschen Zeit leben“. Das stimmt bei allem Trost, ein so köstlich-kurioses Sprachrohr zu haben, sehr traurig.

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