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Das süße Gift des guten schlechten Geschmacks

Pigor & Eichhorn im Lutterbeker Das süße Gift des guten schlechten Geschmacks

Am Freitag zu später Stunde im bis an die Belastungsgrenze ausgebuchten Lutterbeker hatte es das fulminante Musikkabarett-Duo Pigor & Eichhorn wieder einmal geschafft: Gegen Ende ihres „Spezial“- Programms zum 40. Jubiläum dieser einzigartigen Spielstätte sang die eine Hälfte des weltanschaulich friedlich gespaltenen Publikums den Refrain des bitterbösen Songs Gott ist tot, während die andere mit der Zeile „Gott ist nicht tot“ und einer forschen Jazz-Phrasierung konterte.

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Pigor & Eichhorn im Lutterbeker.

Quelle: bos

Lutterbek. Dirigiert wurde der Chor natürlich von Thomas Pigor, dem Autoren des Liedes, höchstpersönlich. Nicht zuletzt, um zu zeigen, dass es bei ihm immer ein Augenzwinkern gibt, dass Satire auch ein so heikles und vielen Menschen heiliges Thema wie Religion aufgreifen muss, und dass Zeilen wie  „Gott ist tot, wenn ihr Pech habt 
/ Gott ist tot / Und die Fundamentalisten einiger Religionen / Überlegen, ob sich diesbezüglich Anschläge lohnen“, natürlich Gegenwind provozieren dürfen, ja, sollen. Es sind diese genau beobachteten, sprachgewaltig inszenierten, mit dem süßen Gift des guten schlechten Geschmacks gewürzten und meistens unter Verzicht jeglicher Political Correcness entworfenen Allerweltsgeschichten, aus denen nicht selten wahre Meisterwerke des Kabaretts entstehen. Musikalische Genres wie Salon Hip Hop, Swing, Chanson oder gar Liedermacher-Pop werden dabei von Pianist und Langzeit-Kollaborateur Benedikt Eichhorn an den Tasten stilsicher getragen, zuweilen gar virtuos forciert.                                                                                            

Das Publikum jedenfalls liebt das Treiben der beiden. Und das seit zwanzig Jahren. Weswegen auch Glanznummern wie Kleine, dicke Frauen oder Maulende Rentner die Zuhörer immer noch aus den Socken hauen. Das Beste und Populärste aus mittlerweile acht „Volumen“-Programmen und den seit fünf Jahren regelmäßig produzierten „Chansons des Monats“ haben Pigor & Eichhorn in ihrer Werkschau zu Ehren des Lutterbekers, auf dessen Bühne sie in der Vergangenheit viele Vorpremieren feierten, untergebracht. Manchmal konservieren ältere Songs sogar ihre brennende Aktualität. Sie hassen uns wieder“ (Chanson des Monats Februar 2013), das Lied über die Außenwirkung deutscher Finanzpolitik gegenüber Griechenland etwa, hat auch heute nichts von seinem beißenden Witz verloren. Und hört man es vor dem Hintergrund der zurzeit virulenten Flüchtlings-Problemantik wirkt es fast beklemmend:  „Sie hassen uns wieder /
 Wir ham es geschafft / Sie hassen uns wieder / Nicht nur wegen unsrer Kaufkraft
 / Sie hassen uns wieder / Ob offen oder subtil / Da ist es wieder, dieses vertraute ungute Gefühl.“                                                                                                               

„Damit endlich Ruhe ist“ heißt es im Untertitel des Programms. Mit der Ruhe war es im Saal allerdings nicht so weit her. Jeder Song mündete in einen Beifallssturm. Erst als die allerletzten, Lachtränen treibenden Zugaben Heidegger und – unverzichtbar – Kevins gespielt waren, und das Licht wieder anging, strömten die Menschen nach draußen. Ob auch kleine dicke Frauen oder maulende Rentner unter ihnen waren, ist nicht überliefert. 

*Der Abend wird am Sonnabend um 21 Uhr im Lutterbeker (Dorftstr. 11), Lutterbek, noch einmal zu sehen sein.  Das „Spezial“ ist Teil des Programms „40 Jahre Lutterbeker“, das Jubiläum soll im November gefeiert werden.

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