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Anderszewski als Meister der Fantasie

Pianistengröße Anderszewski als Meister der Fantasie

Am Anfang war Bach. Schon Casals nannte ihn gar einen Gott, Anfang und Ende Musik. Dennoch spielen Pianisten seine Musik vergleichsweise selten in Solo-Recitals, und wenn, dann meist in Bearbeitungen durch die Brille der Romantiker. Doch da ist auch noch Piotr Anderszewski.

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Piotr Anderszewski bei seinem Recital. Am 23. Februar ist er als Solist des NDR Elbphilharmonie Orchesters in der Lübecker Musikhalle zu hören.

Quelle: Claudia Höhne

Hamburg. Zwei „Englische Suiten“ von Bach bildeten die Klammer seines Recital-Debüts im großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg. Oft beginnen Pianisten ihre Konzerte quasi zum Aufwärmen mit Bach. Selten hört man Bach als überwältigen Abschluss eines Klavierabends. Was für ein grandioses Werk die „Englische Suite Nr. 6 d-Moll“ ist, war hier zu erleben. Mit welchem Kosmos an Farben verzauberte Anderszewski! Jede Stimme des polyphonen Geflechts wurde ganz leicht hörbar. Dazu trug auch die breit differenzierte Anschlagspalette bei, die klug überlegte Dramaturgie der Dynamik. Abwechslung geschah auch durch Versetzen mancher Wiederholung in höhere Klavierlagen. Zwischen den Tanzsätzen hielt Anderszewski die Spannung, oder es ging nahtlos in den Folgesatz. So wurden die sieben Einzelsätze des immerhin 25minütigen Werks zu einer Einheit. Bachs manchmal gescholtene Motorik hatte bei Anderszewski einen wunderbaren tänzerischen Puls. Andererseits traute er sich bei den philosophierend-introvertierten Sarabanden – auch bei der eröffnenden dritten „Englischen Suite g-Moll“ – die Musik fast zum Stillstand kommen zu lassen und damit Licht in die dunklen Seelenschichten dieser Klänge zu werfen. Anderszewski wagte auch extreme Piano-Regionen. Er wusste, dass der überakustische große Elbphilharmonie-Saal gerade dies besonders gut vermitteln kann.

Klavier-Recitals funktionieren in der Elbphilharmonie hervorragend, aber der Pianist muss auch etwas draus machen. Und Anderszewski gelang es auf großartige Weise. Mit kräftigem Forte eröffnete er sein Recital beim „Prélude“ der dritten „Englischen Suite“, mit Wucht, fast mit Aufbegehren profilierte er das Thema der Gigue der den Abend abschließenden sechsten „Englischen Suite“.

Chopin und Janáček standen vor und nach der Pause auf dem Programm. In den drei so unterschiedlichen Chopin-Mazurken op. 56 in H-Dur, C-Dur und c-Moll kristallisierte Anderszewski die Charakteristika mit Noblesse heraus: In der ersten die pastellenen, verhaltenen Farben, über denen sich filigrane Läufe entfalten, in der zweiten den mehr rhythmisch-tänzerischen Gestus, in der dritten das Fließende und die durchaus avancierte Harmonik.

Dass Anderszewski ein Meister der musikalischen Fantasie ist, bewies er auf seiner jüngsten CD mit Fantasien von Mozart und Schumann. Chopins „Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61“ kann man als Ergänzung, als weitere Facette zur Gestaltungsvielfalt in diesem Genre verstehen. Die kurzen aphoristischen Gedanken werden kaum lange ausgeführt, da blitzt eine neue Idee auf. Und dennoch schließt Chopin den Kreis, indem er am Schluss das fragende Motiv des Anfangs wieder aufnimmt, nach wilden, durchaus mächtigen Forteausbrüchen. Anderszewski spannte all das zu einem großen Ganzen zusammen. Seine delikate, zuweilen magische Klanggestaltung kam auch Janáčeks nicht allzu häufig gespielten Klavierstücken „Auf verwachsenem Pfade“ (Reihe II) zugute. Der Komponist verarbeitete hier seine Trauer über den frühen Tod seiner Tochter. Nostalgische Hornquinten lassen an Schubert denken, anderes mutet impressionistisch an, mit sperrig-eckigen Trillern wird tänzerische Energie freigesetzt. Piotr Anderszewski fügte die Facetten dieser sechs, oft rhapsodischen Einzelstücke zu einem zyklischen Ganzen. Wie sich ja dann auch mit der abschließenden „Englischen Suite d-Moll“ von Bach der Kreis zum Anfang dieses außergewöhnlichen Klavierabends schloss.

Von Elisabeth Richter

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