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Poesie und Widerstand als Lebenswerk

Konstantin Wecker in Kiel Poesie und Widerstand als Lebenswerk

Konstantin Wecker zählt zu den profiliertesten deutschsprachigen Liedermachern. Am 1. Juni feierte er seinen 70. Geburtstag, kurz zuvor war die Jubiläums-Doppel-CD „Poesie und Widerstand“ mit 30 Lieblingsliedern Weckers erschienen. Mit diesem Programm und seiner Band gastiert er im Kieler Schloss.

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Ist seinem Stammpublikum noch heute dankbar dafür, dass es ihm auch in schweren Zeiten die Treue gehalten hat: Konstantin Wecker.

Quelle: Thomas Karsten

Kiel. Anlässlich eines 70. Geburtstags kann man über sein Lebenswerk nachdenken. Könnte über Ihrem Poesie und Widerstand stehen?

Konstantin Wecker: Ja! Poesie, wie ich sie verstehe, ist schon von Haus aus Widerstand in einer parolenhaften Welt.

Gegen Parolen wenden Sie sich explizit. Flächendeckend?

Gegen jede. Parolen sind immer etwas Ausinterpretiertes, was uns ein Wort, das ja nur ein Symbol ist, erklären möchte im Sinne einer Ideologie – und da bin prinzipiell als Poet dagegen.

Auch im Lied „Wut und Zärtlichkeit“ ist es ja sicher nicht nur das lyrische Ich, das da spricht. Das sind Sie, oder?

Bin ich. Ich habe das Lied vor sechs Jahren geschrieben. Ich bin jetzt gerade in Italien und kann mich sehr gut erinnern an den Moment, das kann ich bei den wenigsten meiner Gedichte. Es war auf dem Weg von meinem Haus ins Dorf, so zwei Kilometer, da habe ich das Gedicht fertig in mein Handy diktiert (lacht), als hätte es schon jemand vor mir geschrieben.

Mir fällt auf, dass Sie von Gedichten sprechen, auch wenn es um Lieder geht. Warum?

Weil ich von Jugend an schon meine Lieder gesehen habe als vertonte Gedichte. Schon bei meinen ersten Auftritten hatte ich das Gefühl, wahrscheinlich erreiche ich mit meinen Gedichten die Leute besser, wenn ich sie singe.

Was hat Sie denn all die Jahre motiviert, mit diesem Elan gegen Unrecht einzutreten?

Ich hatte ja in erster Linie nie das Gefühl, dass ich gegen Unrecht eintrete, denn nach wie vor gilt, dass ich am liebsten eigentlich nur Liebesgedichte schreiben würde. Und dann kommt mir immer wieder die Wut dazwischen (lacht), und das ist ja zurzeit auch nicht besonders schwer.

Gab es auch Phasen der Resignation?

Ja, natürlich. Mich hat eigentlich immer das Schreiben gerettet und auch die Begegnung mit Menschen.

Muss man ein ausgeprägter Romantiker sein, um ein unermüdlicher Kämpfer sein zu können?

Ja, unbedingt muss man ein Romantiker sein. (lacht) Ich glaube, wir brauchen eine Neuauflage einer Neo-Früh-Romantik. Ich bin ja ein großer Verehrer der Frühromantiker, die ja zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Poetisierung der Welt gefordert haben

Für Ihre Doppel-CD-Geburtstags-Edition von „Poesie und Widerstand“ haben Sie ihre „ganz persönlichen Lieblingslieder der letzten 50 Jahre“ ausgewählt. Wie schwer fiel Ihnen diese Auswahl?

Nicht so schwer, weil es zum Großteil Lieder waren, die ich immer wieder live neu interpretiert habe. Wir haben die genommen, die nicht völlig verstaubt in der Ecke lagen.

Warum gibt es „Sage nein“ ein weiteres Mal in einer Bonus-Version mit Gastsängern wie Pippo Pollina, ASP Spreng und Conchita Wurst?

„Sage nein“ war mir ein besonderes Anliegen in einer Zeit einer drohenden Neu-Faschisierung Europas.

Der Text wirkt erschreckend zeitlos ...

Wenn man überlegt, dass es 1991 geschrieben wurde, ist das wirklich erschreckend, ja. Niemand von uns hätte damals gedacht, als die ersten Flüchtlingsheime brannten, dass es so weit kommen könnte. Es war unvorstellbar.

Nun ist „Willy“, eines Ihrer bekanntesten Lieder, nicht dabei. Kein Lieblingslied?

Doch, aber den „Willy“ gibt’s schon in vielen Versionen. Ein wahnsinnig wichtiges Lied, aber ich hab’ den ja immer wieder im Programm. Da kann es sein, dass ich nach drei Tagen sage: Ich kann ihn einfach nicht mehr spielen. Das leiert sich irgendwann aus.

Wissen Sie, wie viele Stücke Sie geschrieben haben?

Ja, ich glaube, ich habe so etwa 600, 700 bei der GEMA angemeldet.

Und sie haben 23 Studioalben aufgenommen, aber vor allem auch 14 Live-Alben. Mir fällt kein Künstler ein, keine Band mit so vielen Live-Alben. Was hat Sie dazu bewogen?

Gute Frage. (lacht) Du nimmst ein neues Album auf, dann gehst du damit auf Tour, und am Ende müsstest du eigentlich noch mal ins Studio, das Album aufnehmen. Weil es einfach immer besser wird.

Können Sie sich an Ihr allererstes Konzert erinnern?

Ja, in der Lach- und Schießgesellschaft in München. Da gehen so 100 Leute rein, 30 waren da, und ich dachte mir damals: Wenn ich das mal ausverkaufe, dann habe ich’s geschafft.

Im Booklet des Albums richten Sie sich an Ihr „geliebtes Publikum, das mir über so viele Jahre auch allen Widrigkeiten zum Trotz die Treue gehalten hat“. Welche Widrigkeiten?

Na ja, es gab ja eine Zeit, wo’s mir nicht so gut ging. Noch vor meiner Verhaftung, da hat mein Stammpublikum durchaus mitgekriegt, dass es mir ganz, ganz schlecht geht. Da gab’s Konzerte, wo sie nachher nicht mir, aber anderen gesagt haben, dass sie nur noch aus Mitleid gekommen sind (lacht), weil man gemerkt hat, dass es mir auf der Bühne keinen Spaß mehr gemacht hat. Das waren die letzten zwei Jahre meiner Drogensucht.

Für 70 wirken Sie gut in Schuss? Wie machen Sie das?

(lacht) Das freut mich. Ich bewege mich viel an der frischen Luft, ich fahre Fahrrad. Ich renne nicht jeden Tag ins Fitnessstudio, das habe ich mit 20 gemacht. Damals mussten wir heimlich Bodybuilding machen, da war der leptosome Zigarettenraucher angesagt (lacht).

Konzert: Montag, 30. Oktober, 20 Uhr, Kieler Schloss

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Ein Artikel von
Thomas Bunjes
Kulturredaktion

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