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Lyrik mitten in der Wirklichkeit

Poetik-Dozentur Lyrik mitten in der Wirklichkeit

„Ich bin immer dankbar, wenn die ungereimten Gedichte kommen …“, sagt Monika Rinck lächelnd und meint Detlev von Liliencron, Namensgeber der Kieler Poetik-Dozentur, die in diesem Jahr die in Berlin lebende Dichterin übernommen hat.

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Mannigfaltige Gedankengänge und -sprünge: Liliencron-Dozentin Monika Rinck.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. „Der Balladentonfall klingt doch ein bisschen kostümiert zu mir herüber.“ Eins von Liliencrons Gedichten, Einer Toten (Dass Du noch lebtest), hat sie dann doch ausgesucht und liest es am Abend zum Auftakt im Literaturhaus vor – ein Strom der Trauer, in dem das Leben immer noch unübersehbar glimmt.

Und wie Rinck die Worte fließen lässt, wie die sich eilen oder nachdenklich verlangsamen, das passt ganz gut neben die eigene Lyrik der Dichterin, die in diesem Jahr nicht nur drei Poetik-Dozenturen zu bewältigen hat, sondern Ende November auch mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wird. Und der kommt gleich nach dem Büchner-Preis. „Rhythmische Parallelen“ zumindest entdeckt sie bei Liliencron zum eigenen Werk und lacht: „Aber das könnte ich wohl auch über die FAZ sagen.“

 „Das Genre hat sich mich ausgesucht“, sagt sie, erzählt, wie die Gedichte von Enzensberger, Celan, Neruda, Rilke in der Schulzeit als „klandestine Geheimsprache unter Freundinnen“ fungiert habe.

 Wenn Monika Rinck redet, bekommt man ein Gefühl dafür, wie ihre Gedichte entstehen. Wie sie einen Satz sagt und ihm dann sogleich antwortet, ihn präzisiert, kommentiert, in Frage stellt oder den Gedanken austreibt in eine andere Dimension, in der dann steppende Tiere mit Orpheus zusammenfinden und das Denken Hoovercraft fährt. Manchmal verdichtet sich das zu poetischen Dramen.

 Ihre Gedichte sind garantiert reimlos, wirken im Fluss der Assoziationen oft wie spontan niedergeschrieben. „Jaaa“, sagt die 46-Jährige gedehnt, „aber das braucht viel Zeit, viel Freiraum, auch eine gewisse Selbstvergessenheit. Und während man Poetologie-Vorlesungen schreibt, kann man auf keinen Fall Gedichte schreiben. Denn wenn ich jeden Schritt, den ich schreibend tue, sofort prüfen muss – dann komme ich nicht weiter. Dann fehlt der Anteil der Selbstüberraschung, der über das Epigonale, das Selbstimitat, das kontrolliert Experimentelle hinaus geht.“

 „Ich würde ja immer sagen, dass Gedichte realistisch sind“, sagt sie außerdem. Aufmüpfig, überraschend. Und: „Das Irreale gehört dazu. Wir sind es doch gewohnt zu träumen. Ich weiß gar nicht, warum wir da einen so reduzierten Wirklichkeitsbegriff haben.“ Ihr Material liegt überall in der Welt- und Kulturgeschichte verstreut, lässig fügt sie weit entfernte Wortfelder zusammen. Tiere kommen dabei immer wieder vor. Tapire zum Beispiel, „sind komplexe Gesellen der Sorgfalt. / wie sie so einhergehen auf niedrigen beinen / mit ihren viel zu zierlichen hufen …“ „Purer Realismus“, lacht Monika Rinck.

 Sie kann so witzig sein wie entrückt und dabei treffsichere Pointen setzen. Das sieht man in ihrem herrlich endlos verzweigten „Begriffsstudio“, in dem sie seit 20 Jahren sprachliche Fundstücke sammelt, oder an Titeln wie Helle Aufregung, Hoho Hortensie oder Hasenhass. Und man kann es an diesem vielfältigen Abend im Literaturhaus erleben, während sie aus ihren Gedichten vorliest und dabei zunehmend in Fahrt kommt. Erst beim „Medley der Komik-Theorien“, dann im mit viel Herzblut erläuterten heroischen Pferdegedicht Moorlands Totilas. Und einmal mehr wird spürbar, wie diese Lyrik mitten in der Wirklichkeit wurzelt.

 Monika Rinck: Risiko und Idiotie. Streitschriften. Kookbooks, 272 Seiten, 19,90 Euro. Hasenhass. Verlag Peter Engstler, 40 Seiten, 12 Euro. www.begriffsstudio.de

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