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Zwischen Lüge und Wahrheit

Polnisches Theater: „Enigma“ Zwischen Lüge und Wahrheit

Éric Emmanuel Schmitts Zweipersonenstück „Enigma“ hatte am Donnerstagabend in der Regie von Jutta Ziemke am Polnischen Theater Premiere. Wie in den „Enigma-Variationen“ des englischen Komponisten Edward Elgar, das dem Stück den Namen gibt, geht es in Schmitts Erfolgsstück um ein dem tatsächlichen Geschehen zugrunde liegendes geheimes Thema.

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Tadeusz Galia und Martin Friederichs im Rededuell.

Quelle: x

Kiel. Auf eine Insel im hohen Norden hat sich der berühmte Autor und Nobelpreisträger Abel Znorko zurückgezogen und viele Jahre jeden Kontakt zu Presse und Öffentlichkeit vermieden. Ausgerechnet dem Provinzjournalisten Erik Larsen gewährt er anlässlich seines letzten Buchs, eines von der Kritik enthusiastisch gefeierten Romans in Briefen, die sich zwei Liebende schreiben, ein Interview. Die Vermutung des Journalisten, dass es sich bei dem Werk um die Veröffentlichung einer tatsächlichen Liebesbeziehung handle, lehnt der überaus arrogante Schriftsteller mit dem Hinweis auf die Kraft seiner Phantasie, die dem wirklichen Leben überlegen sei, höhnisch ab.

 Nichts ist so, wie es zunächst scheint. Weder ist Abel Znorko der Mann mit dem gusseisernen Selbstvertrauen und der gegen alle Anfechtungen des Lebens und der Liebe gefeiten Seele, als der er sich gibt, noch ist Erik Larsen der schüchtern naive Journalist, den der Autor vor sich zu haben glaubt.

 Auf Tadeusz Galias sparsam eine Hütte in der Wildnis andeutenden Bühne entwickelt sich ein diffiziles Spiel um Wahrheit und Lüge, um Wirklichkeit, Wahn und Einbildungskraft. Ein Spiel, in dem die verborgene Geschichte einer auf Vertrauen ebenso wie auf zärtlich besorgter Lüge basierenden Liebe in bis zum Schluss überraschenden Wendungen erst allmählich Gestalt annimmt.

 Zunächst hat in der Auseinandersetzung der beiden ungleichen Interviewpartner der um sich selbst und seine Gefühle kreisende, hochmütige Narziss Abel Znorko die Oberhand. Tadeusz Galia gibt ihn als wort- und gestenreichen Zyniker, dem neben einem ganzen Arsenal druckreifer Gemeinheiten eine Fülle abschätziger Gebärden, boshafter Blicke und ein außerordentlich variables Mienenspiel zur Verfügung stehen, mit denen er sein Gegenüber demütigt. Er tigert raumgreifend über die Bühne, erstarrt in plötzlicher Bewegungslosigkeit und krümmt sich schließlich in seelischem Schmerz wie ein Fötus im Mutterleib. Seine Stimme wechselt übergangslos von schneidender Kälte zu hemmungslosem Wutgebrüll und am Ende, als die bittere Wahrheit über die Briefe, die er mit der geliebten Frau gewechselt zu haben glaubt, ans Tageslicht kommt, zu fassungsloser Klage. Als der Wechsel der Perspektive sich anbahnt, ändern sich die Kräfteverhältnisse.

 Martin Friederichs stellt einen gütigen, dem Leben zugewandten Menschenfreund auf die Bühne. Zunächst unsicher und ungeschickt wirkend, gewinnt er zunehmend an Statur und verlässt das Refugium Abel Znorkos erhobenen Hauptes.

 Wenn es an der durchweg überzeugenden Inszenierung überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann vielleicht, dass das Stück in den ersten Minuten nach der Pause ein paar Striche vertragen hätte, als die beiden Protagonisten sich zwar sprachlich virtuose, aber letztlich reichlich sentenzenhafte Sätze um die Ohren schlagen.

 Termine am 30. April, 1., 7., 8., 9., 14., 15. und 16. Mai im Polnischen Theater Kiel, Düppelstraße 61a. Karten: 0431 80 40 99 www.polnisches-theater-kiel.de

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