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„Wie ein Garn, das reißt“

Polnisches Theater „Wie ein Garn, das reißt“

Ein Stück über einen Demenzkranken – da musste Tadeusz Galia erstmal die Schere im Kopf beiseite legen. „Aber eigentlich ist das gar nicht so schwer: Wir erzählen einfach einen Tag im Leben eines Paares.

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Eine Paargeschichte bringen Tadeusz Galia und Jutta Ziemke auf die Bühne des Polnischen Theaters.

Quelle: Foto: Manuel Weber

Kiel. “ Frank und Belinda sind zusammen älter geworden, haben ihre Rollen – und müssen sich irgendwie neu erfinden, als der Mann sein Gedächtnis verliert, die Erinnerungen und Bilder dessen, was war. „Ein Stück über Liebe, Krankheit, Sehnsucht, Verzweiflung und am Ende etwas Hoffnung“ fasst Galia Boston zusammen, ein Stück des dänischen Autors Kaj Nissen, das nach der Premiere im Mai jetzt wieder im Polnischen Theater auf dem Programm steht. Nissen, 1941 in Sonderborg geboren, war Hörspieldramaturg bei Danmarks Radio, übersetzte Texte unter anderem von Karl Valentin, Heinrich Böll und Harold Pinter ins Dänische und schreibt Theaterstücke und Hörspiele.

 „Wie ich darauf gekommen bin?“, sagt Galia, der hier wieder einmal Regisseur, Schauspieler und Bühnenbildner in einer Person ist, „ich habe 200 Stücke gelesen, und dieses Eine hat gepasst.“ Darin steckt auch der Befund, dass das Zimmertheater in der Düppelstraße ein wenig an Schauspielermangel leidet. Vor allem aber hat den Theatermacher dieser Arzt gereizt, der sich selbst verliert: „Sein Geist, das ist wie ein Garn, das immer wieder reißt. Oder wie ein Vorhang, der sich öffnet und schließt.“ Diesen Vergleich hat Galia im Bühnenbild umgesetzt, mit einem Fadenvorhang, der die Dinge abwechselnd enthüllt und verschleiert: „Wir haben es zuerst mit einem elektrischen Vorhang probiert, aber das klang jedesmal wie ein russischer Panzer.“

 Manchmal, so Galia, sei das Stück mehr wie ein Monolog – „ich habe ja nicht so viel beizutragen, mit meinen immergleichen Sätzen, den oft sinnleeren Einwürfen.“ Das macht das Auswendiglernen für die Schauspieler besonders schwierig: „Im Programmheft steht es so: Es ist, als würden zwei verschiedene Lieder gleichzeitig gesungen.“

 Natürlich haben sie sich vorbereitet, Filme geschaut wie Til Schweigers Honig im Kopf oder Michael Hanekes Liebe. Mit Freunden gesprochen und Arno Geigers Buch Der alte König in seinem Exil gelesen. Und ein bisschen fand Jutta Ziemke, die Belinda spielt, in Boston auch von der eigenen Erfahrung mit dem lange Jahre pflegebedürftigen Ehemann wieder: „Mir ist wichtig, dass es trotz aller Kommunikationsprobleme ein Dialog bleibt. Und dass man sieht: Man kann mit der Krankheit umgehen.“ Von Moral und Betroffenheit halten beide nichts: „Wir wollen einfach eine Geschichte erzählen. Und vielleicht kommt der ein oder andere darüber ja ins Nachdenken.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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