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Puzzlearbeiten, die nicht konfliktfrei klappen

Pop-Duo Boy Puzzlearbeiten, die nicht konfliktfrei klappen

Zwei Alben bislang haben gereicht, um dem Hamburger Pop-Duo Boy weltweit Fans zu bescheren. Überall treffen Valeska Steiner und Sonja Glass auf textsichere Konzertbesucher. Im Interview spricht Sonja Glass über das Touren, den Umgang mit Kritiken und das Zusammenwirken im Duo.

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Das Hamburger Pop-Duo Boy tritt am kommenden Montag in Kiel auf.

Quelle: Mittendrin

Kiel. Am 7. März startet Eure Tour in Kiel. Das ist dann schon die dritte in kurzer Folge mit dem neuen Album, nach der Clubtour im September und der Hallentour im November. Für Mai, August und September habe ich ebenfalls schon neue Termine gesehen. Und jetzt wart Ihr gerade auf Konzertreise in Brasilien. Auch mit dem ersten Album seid ihr lange auf Tour gewesen. Müsst Ihr das, wollt Ihr das und wie haltet Ihr das aus?

Sonja Glass: Wie wir das Touren aushalten?

Ja. Das sieht ja schon aus wie bei Bob Dylan und seiner berühmten „Never-Ending-Tour“ ...

Wir sind zwar viel unterwegs gewesen, aber wir machen ja nicht so ’ne Welttournee, wo man dann ein Jahr am Stück unterwegs ist so wie Katy Perry. Ich glaube, deswegen halten wir es auch noch aus. (lacht) Und es macht ja auch wahnsinnig viel Spaß, mit der Musik zu reisen. Ich war mit Boy in so vielen Ländern, wo ich vorher als Privatperson noch nicht war und das wegen der Musik, und das ist ja eher ein Geschenk als dass man sagen würde: Das ist schwer auszuhalten. Es ist natürlich super anstrengend, aber es ist auch total spannend. Und es ist immer noch faszinierend: Wir waren jetzt zum ersten Mal in Brasilien, und man kommt da an, und die Leute singen die Songs mit, das ist einfach abgefahren, irgendwie schön.

Die Lieder sind zuerst da ...

... ja, die reisen schon mal vor.

Es ist lange her, vor fast sechs Jahren, da wart ihr schon mal in Kiel, gleich zweimal ...

(erstaunt) ... waren wir schon mal in Kiel?

Ja.

Wirklich?

Im Mai 2010 wart ihr bei Michy Reinckes „Lauschlounge“ im längst wieder geschlossenen multimedialen Veranstaltungsort „Im Saal“ in Wellsee ...

... Lauschlounge, okay, das stimmt ...

... und im August nachmittags beim Duckstein-Festival an der Kieler Förde.

... ach ja! Das hatte ich ja auch total vergessen! Dann habe ich ja eben in dem letzten Interview ein bisschen gelogen – aus Versehen. 

Ich war leider nicht da, weiß aber noch, dass der Kollege, der vom Duckstein-Auftritt zurückkehrte, sehr beglückt war. Da wart Ihr ja noch nahezu unbekannt.

Da waren wir noch ganz unbekannt.

Euer Erstling, die EP „Hungry Beast“, war gerade rausgekommen.

Ja, und 2011 kam dann das erste Album.

Ich sehe aber, die Erinnerung an Kiel ist nahezu verblasst ...

Nee, ich erinnere mich witzigerweise da eher an andere Konzerte in Kiel. Ich habe ja vor Boy für ganz viele verschiedene Bands gespielt, schon zweimal auf der Kieler Woche, ich war auch mal mit Bosse in irgendeinem Laden. Das mit Boy hatte ich vergessen. Aber ich habe an so vielen Orten gespielt, ich kann mir die nicht alle merken (lacht).

Wie habt Ihr denn anfangs Eure Programme gestaltet mit so wenigen Songs? Gab es da auch schon welche, die dann später auf Eurem Debütalbum „Mutual Friends“ gelandet sind? Oder habt Ihr was gecovert?

Wir haben da auf jeden Fall schon Songs von „Mutual Friends“ gespielt, aber eben eher in der akustischen Version. Wir haben diese EP ja eigentlich nur gemacht, um den Leuten schon mal was mitzugeben vom Konzert; wir wollten ja immer ein Band-Album machen und dachten dann aber, vielleicht macht es Sinn, so ein paar Songs schon mal in kleinem Gewand wie ein „Vergesst-uns-nicht“ (lacht). Und es hat, glaube ich, auch ganz gut funktioniert.

 

Aber das Covern kommt bei Euch ja schon mal vor: Coldplay, Black Keys ...

Ab und zu. Weißt Du, wenn man im Radio spielt, dann sagen die ganz oft: ein eigenes und ein Cover. Damals haben wir auch noch von Ben Folds einen Song gespielt, Fred Jones Part 2. Aber das machen wir selten. Aber auch ganz gerne. 

Wird das dann von Eurem Sound her ausgesucht oder an diesen angepasst?

Black Keys zum Beispiel machen wir ganz anders. Das finde ich aber auch immer schön an einem Cover, wenn man seine eigene Version draus macht. Sonst ist das eher so wie so ’ne Coverband. Das soll jetzt gar nicht abwertend klingen.

Ich komme jetzt mal zu Eurem zweiten Album „We Were Here“. Mir ist aufgefallen, dass es durchproduzierter klingt als „Mutual Friends“, voller ...

... durchproduzierter ...

... das meine ich jetzt gar nicht negativ, ich könnte auch ausgefeilter sagen. Deckt sich das mit Deinem Eindruck?

Nee, durchproduziert würde für mich jetzt heißen, das erste war roher, und das kommt für mich nicht hin, weil wir uns beide Alben ’ne totale Puzzle-Arbeit waren und in denen so ziemlich gleich viel Arbeit drinsteckt. Aber was ich finde, es klingt ein bisschen größer. Wir haben mehr Hall benutzt. Ich finde es auch ein bisschen poppiger. Mir haben auch Leute gesagt, dass sie es vom Songwriting her anspruchsvoller, vertrackter finden. Ich weiß es nicht (lacht), jeder muss sich sein eigenes Bild machen. Aber wenn man das als durchproduzierter empfindet, habe ich damit auch gar kein Problem, es ist sehr detailverliebte Arbeit gewesen. Insofern stimmt es irgendwie auch.

Hattet Ihr, was die teils negativen Stimmen zum neuen Album betrifft, das Gefühl, dass Euch jene Kritiker gern wieder ein bisschen runterschreiben wollten nach den Höhen, in die sie Euch nach dem ersten Album gehoben hatten?

... auf die Glocke geben wollten? (lacht) Ich würde einem Journalisten so etwas erstmal gar nicht unterstellen wollen, aber natürlich macht man sich schon Gedanken. Was mich tatsächlich stört, was ich schade fand, ist, dass bei uns so oft geschrieben wird: die sind so nett und so’n bisschen harmlos. Ich weiß halt, was bei uns im Leben passiert und was wir für persönliche Hintergründe haben, und manchmal hat man das Gefühl, man selber als Person hat nichts damit zu tun. Trotzdem lesen andere Leute das und denken dann vielleicht: So sind wir. Davon muss man sich echt frei machen, denn was dadurch passiert, ist, dass man weder eine sehr schlechte Kritik ernst nimmt noch eine sehr gute, und das ist ja irgendwie auch schade. 

Aber Ihr nehmt Kritiken grundsätzlich schon ernst? Manche Künstler behaupten ja, sie interessierten sich nicht dafür.

Doch, das beschäftigt uns schon. Es gab beispielsweise einen „Zeit-Online“-Artikel, da stand geschrieben: Boy machen die typische Hassmusik. Das fand ich schon heftig. Was ist Hassmusik?

Darunter würde ich mir jetzt auch etwas anderes vorstellen.

Das was da gerade in Clausnitz passiert ist, das ist für mich Hass. Ich weiß nicht, was der eigentlich gemeint hat. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass die Leute in die Texte nicht reingehört haben. 

Habt Ihr Euch für das zweite Album tatsächlich richtig hingesetzt, um die Songs zu schreiben, wie ich las? Kommt Ihr während des Tourens gar nicht dazu?

Ich brauche einfach mein Homestudio zum Schreiben, ich nehme auf Tour keine Sachen zum Aufnehmen mit. Ich arbeite ja nicht irgendwie so schrammel, schrammel, songwritermäßig, sondern ich baue halt schon ganze Arrangements, wo auch Drums, Synthesizer, Bass und Gitarren drauf sind. Und Valeska braucht oft super lange für Texte – Wochen – und viel Ruhe. Deshalb passiert das nicht so auf Tour, aber man sammelt natürlich Eindrücke. 

 

Und die Aufgabenteilung, ist die tatsächlich so strikt: Du die Musik, Valeska die Texte? Redet Ihr Euch da gar nicht rein?

Doch, wir reden uns extrem viel rein! (lacht) Aber die Aufgabenteilung ist trotzdem total getrennt, einfach weil wir das Gefühl haben, jede kann ihren Bereich ein bisschen besser. Es gibt einen Song ( Flames, d. Red.) auf diesem Album, da habe ich auch den Text geschrieben, weil das nicht von der Musik zu trennen war. 

Verbringt Ihr eigentlich auch abseits der künstlerischen Arbeit viel Zeit miteinander?

Wir verbringen super viel Zeit miteinander und sind auch schon zusammen in Urlaub gefahren. Das klingt vielleicht auch absurd (lacht), aber wir sind einfach sehr gut befreundet. Wir sind nicht wie Oasis, die sich dann kloppen und gar nicht mehr miteinander sprechen. (lacht)

Ihr seid ja auch nicht verschwistert, vielleicht es deshalb auch ein bisschen einfacher.

Das stimmt.

Wie läuft das überhaupt so im Duo? Der Solo-Künstler schmort ja vielleicht oft im eigenen Saft, in Bands bieten mehr Leute auch mehr Reibungspunkte, im Duo kann man sich ja oft nur direkt aufeinander beziehen.

Es gibt im Duo eben keine Demokratie, wenn es um Entscheidungen geht. Und das macht es manchmal sehr anstrengend, weil man Sachen, bis man eine Lösung hat, ausdiskutieren muss. Oder der eine muss nachgeben oder der andere. 

Kriegt Ihr das einigermaßen konfliktfrei hin ...?

Nee, wir haben sehr viele Konflikte, aber wir haben irgendwie einen Weg gefunden, die Konflikte schnell und zielorientiert zu lösen. Wir wissen beide, dass wir sind uns super wichtig und dass die andere sich wohl fühlen muss mit den Entscheidungen, die getroffen werden. Wenn eine von uns irgendwo ein schlechtes Gefühl hat, dann entscheiden wir uns immer eher für das Nein. Gerade wenn man zusammen auf die Bühne muss, ist es super nervig, wenn man dringend noch Sachen zu klären hat. 

Du hast angesprochen, dass auch Dinge verworfen werden, wenn sie einem partout nicht passen. Landen denn eine ganze Reihe Sachen im Papierkorb oder hält sich das noch in Grenzen?

Nee, es landet viel im Papierkorb, Songideen natürlich. Wir bekommen aber auch viele Anfragen für Werbung, da sagen wir meistens eher Nein.

Du bist ja von Hause aus Bassistin. Wie oft kommst Du denn noch zum Bassspielen?

Ich bin im Moment, was das reine Bassspielen angeht, ein bisschen faul. Ich spiele natürlich auf den Konzerten und so, aber zu Hause mache ich das eher nicht so viel. Aber ich könnte, wenn ich wollte – sagen wir es mal so (lacht). Aber was ich total vermisse ist, einfach für andere Bands zu spielen und sich mal um nichts kümmern zu müssen, einfach nur dahinten auf der Bühne rumdümpeln und Bassspielen. Das mache ich mal, wenn ich ein bisschen älter bin (lacht).

Montag, 7. März, 20 Uhr, Max Nachttheater (Eichhofstr. 1)

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