18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Grellbunter Gogol

Der Revisor in Flensburg Grellbunter Gogol

Knapp 60 Jahre sind vergangen, seit Werner Egks bissige Opernsatire Der Revisor ihre Urauf­führung bei den damals noch jungen Schwetzinger Festspielen erlebte. Jetzt stellte das Landes­theater dieses vielgespielte Werk in einer grellbunten Version erstmals im Theater Flensburg zur Diskussion.

Voriger Artikel
Kunstsammlung Bönsch ist nach Schleswig umgezogen
Nächster Artikel
Das Neue im Alten

Der Revisor feierte in Flensburg Premiere.

Quelle: Landestheater

Flensburg. Der Revisor nach Nikolai Gogols gleichnamiger Komödie ist eine bissige Parabel über selbst­zufriedene Kleinstadthonoritäten, die allesamt einigen Dreck am Stecken haben und nichts mehr fürchten als die hochnotpeinliche Aufdeckung ihrer Lumpereien. In ihrer latenten Angst vor einem allzeit drohenden Skandal vermuten sie irrtümlich in einem herumlungernden Bankrotteur den gefürchteten Revisor und bemühen sich, ihn mit diversen monitären Liebesgaben ruhig zu stellen. Umsonst: das Ganze endet in einer demaskierenden Katastrophe.  

Markus Hertel und seine Ausstatterin Andrea Eisensee verwandelten diese ätzende Satire in eine quirlig-quietschende Comedie-Show, in der die skurril-ausstaffierte Kleinstadt­ge­sellschaft zu  abstru­sen Karikaturen ihrer selbst mutierte. Das mobile, scherenschnittartige Bühnenbild gemahnte an den frühen Bühnen­ex­pressionismus, Personenführung und Gestik der Akteure gehorchten jeweils einer individuellen Slapstik-Motorik.

Peter Sommerer am Pult seiner Landessinfoniker pflegte eine angemessen scharfkantige Werksicht, setzte knackige,  an Strawinsky gemahnenden Akzente und trieb die unwiderstehliche Carl-Orff-Motorik unerbittlich voran. Egks freitonale, phantasievolle Klangwelt feierte an diesem Abend fröhlich und spritzig Urständ, auch wenn manche Klangballung mitunter arg dick aus dem Orchester­graben quoll. Hervorragend die Präzision der vielen Ensemblenummern, in denen Peter Sommerer strikten Kontakt und klangliche Balance zwische Bühne und Graben zu wahren wußte.

Das Flensburger Ensemble war mit spürbaren Elan bei der Sache und kostete die karnevalistische Überspitzung der Charaktere mit einem Höchstmaß an exzentrischer Bühnenpräsenz und grotesker Grobzeichnung in selbstverleugnenden Grandezza genußvoll aus.

So durften Mutter und Tochter (Eva Schneidereit und Brigitte Bayer) als überkandidelte Stadthauptmannsdamen sich mit stark ausgeprägtem Sexualtrieb gerieren, während die wenig honorige Bürgerriege (Christopher Hutchinson, Markus Wessiack, Christoph Stegemann, Nicholas Shannon, Marian Müller, Ah Young Yoon und Camilla Lehmeier) ihre tatsächliche Armseligkeit mit sichtbarem Vergnügen durchdeklinierte. Der vermeintliche Revisor nebst Diener Ossip  (Junghwan Choi und Jorge Martinez) brachten mit ihrer lässig-zerlumpten Bohè­mien-Attitude einiges Leben in die verlotterte Bude, in der nur der Stadthauptmann am Ende seine Contenance wiederfand. Kai-Moritz von Blanckenburg, ohnehin als Spezialist für gebrochene Charaktere bekannt und ge­schätzt, lieferte in seinem großen Schlußmonolog auf nunmehr nackter Bühne ein stimm­lich imponierendes, anrührendes Kabinettstück in Sachen verzweifelter Selbsterkenntnis, bevor sich die Finalkatastrophe mit dem Erscheinen des echten Revisors ankündigte. Herzlicher, wenn auch nicht enthusiastischer Beifall!

Von Dr. Detlef Bielefeld

Weitere Termine:

03., 15., 23., 28.06.; 01. + 10.07. Flensburg  

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3