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Im Dreieck der Abhängigkeiten

Vor der Premiere: August Strindbergs „Fräulein Julie“ am Schauspielhaus Kiel Im Dreieck der Abhängigkeiten

Bei der Uraufführung 1889 war es ein Skandal, August Strindbergs Drama "Fräulein Julie"; Johannes von Matuschka, der das Stück derzeit am Schauspielhaus Kiel inszeniert, erscheint die brutale Konfrontation des adligen Fräuleins und ihres Dieners auch jenseits des Standesunterschieds bis heute modern.

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Hoch hinaus: Regisseur Johannes von Matuschka (li.) und Bühnenbildner Christoph Rufer auf dem Bühnenbild.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Es ist die innere Dynamik des Personendreiecks, die Johannes von Matuschka an August Strindbergs Fräulein Julie spürbar fasziniert. „Es ist enorm, wie stark die Abhängigkeiten zwischen den drei Figuren sind“, sagt der Regisseur, der das Stück am Kieler Schauspiel in Szene setzt. „Strindberg selbst beschreibt es als Hirne, die ineinandergreifen. Die drei stehen in einer Spannung, die ständig neu austariert wird. Das spürt man auch auf der Bühne: Wenn einer der Schauspieler einen schlechten Tag hat, kippt das ganze Gefüge.“

 Das adlige Fräulein Julie, das sich in der Mittsommernacht frei- und mit dem Diener einlässt, Jean, der selbst von Höherem träumt und den Moment nutzt, und Christine, seine Verlobte mit den festen Prinzipien – Strindbergs (1849-1912) Zeitgenossen erschien der Konflikt um Lüge, Neid, Geschlechter- und Standeszuweisung in seiner Erotik und Brutalität als Skandal, so dass das Stück 1889 nach der Uraufführung in einer geschlossenen Vorstellung des Kopenhagener Studentenvereins erstmal für Jahre verboten wurde.

 Das Standesgefälle des 19. Jahrhunderts spielt für von Matuschka, der 2015 mit Theo van Goghs Interview im Studio 2014 bereits eine ähnlich konzentrierte Konstellation in Szene setzte, keine Rolle mehr. Die Brisanz der Konfrontation aber hat sich in seinen Augen erhalten. „Heute geht es eher um arm und reich als um das damalige Ständegefälle“, sagt er. „Christine, das könnte heute eine Näherin aus Bangladesch sein und Julie die reiche Dame aus Blankenese. Strindbergs Anklage ist nach wie vor da, in hoher Potenz.“

 „Scharf und modern“, so beschreibt auch Dramaturgin Annika Hartmann Strindbergs Stück. Die Stände fungieren da als Bild für den Versuch der Protagonisten, „die jeweils andere Amplitude des Lebens zu entdecken, die sie in der gesellschaftlichen Konvention nicht erleben können.“ Während Julie versucht, herauszufinden, was das Leben jenseits ihres Goldenen Käfigs zu bieten hat, ermüdet Jean, der eigentlich auch höher hinaus will, bald an dem radikal neuen Lebensentwurf, den Julie ihm vorsetzt.

 „August Strindberg seziert da am offenen Herzen“, sagt Johannes von Matuschka. „Das Stück ist eine komplette Zuspitzung, nimmt Wendungen, die die Figuren eine Minute zuvor noch nicht gedacht haben.“ Das wird sich auch im Spiel vermitteln. „Sehr physisch, schonungslos, aufreibend und sinnlich“, fasst es der Regisseur zusammen. „Wir gehen in eine Spielweise, bei der sich die Schauspieler auch ausliefern. Das Stück verlangt diese Bedingungslosigkeit. Denn alles passiert in dieser kleinen Welt, die nur oben und unten kennt.“

 Das dem Stück beigegebene Attribut „naturalistisch“ versteht der 42-Jährige eher als Ironie des Autors: „Es funktioniert vor allem über Symbole – wie Julies Zeisig, der bei uns eine wichtige Rolle spielt.“ Dafür hat Bühnenbildner Christoph Rufer auf der Drehbühne eine Art begehbare Skulptur entwickelt, die die Symbolik des Stücks aufnimmt. „Wir wollten exemplarisch arbeiten“, sagt er, „also haben wir eines der Bestandteile der von Strindberg vorgesehenen Küche genommen und radikal vergrößert.“ Wichtig ist dem Schweizer dabei, dass das Bühnenbild „nicht nur als Kulisse fungiert“. Als einen „gedanklichen Innenraum“ sieht auch der Regisseur, der hier zum dritten Mal im Team mit Rufer arbeitet, die Bühne und sinniert: „Eigentlich ist das ein Thriller in einem Raum, aus dem es kein Herauskommen gibt.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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