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"Frühlings Erwachen": Moral im Schaukasten

Premiere am Schauspielhaus "Frühlings Erwachen": Moral im Schaukasten

Katrin Lindners puristische Inszenierung von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ feierte am Freitag Premiere im Schauspielhaus Kiel. Ein Stück, das die Protagonisten auf die Suche schickt: nach dem eigenen Ich, ihrer Sexualität und einem Weg ins Leben.

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Wendla (Magdalena Neuhaus) und Melchior (Simon Heinle) in "Frühlings Erwachen" im Schauspielhaus Kiel.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Echte Menschen sind das nicht – oder? Leicht fremd, aber auch vertraut in ihren zu knapp geratenen Anzügen und Kleidchen. Mit diesen etwas verdrehten Sätzen, die heute keiner mehr so sagen würde. So stehen sie auf der Bühne von Tobias Schunck, in einem Gehäuse aus hellem Holz, irgendwo zwischen Schatzkiste und Schaukasten. Darin eine kleinere Box, nachtschwarz und wie gemacht für all das Ungesagte, nicht Erklärte, das sie umtreibt: Wendla, Melchior, Moritz und die anderen, die Frank Wedekind in seiner Kindertragödie Frühlings Erwachen auf die Suche schickt – nach dem eigenen Ich, ihrer Sexualität, einem Weg ins Leben.

1890 war das und damals so brisant, dass die Uraufführung bis 1906 auf sich warten ließ. Dass Mädchen ungewollt schwanger werden und Kinder den Tod suchen, aus Liebesfrust, Leistungsdruck oder weil es im Leben nicht läuft, kommt immer noch vor – aber haben sie noch etwas mit den ahnungslosen Kindern in Wedekinds Drama zu tun?

Regisseurin Katrin Lindner schneidet die Figuren, so wie sie sind, aus dem historischen Kontext heraus und stellt sie in ihrer puren, ganz auf das Nichtwissen und Nicht-fragen-dürfen konzentrierten Inszenierung auf wie Ausstellungsstücke in der Zeitlosigkeit. Sie lässt sie Wedekinds lyrische Sprache sprechen und ihre schwiemeligen Überlegungen anstellen - zu den „männlichen Regungen“, dem Küssen und Schlagen und der Frage, wie das passiert mit den Kindern.

Die Schauspieler im fein austarierten Ensemble sprechen das mit Abstand, als prüften sie den Text darauf, was unter dem altmodischen Duktus noch Gültigkeit hat. Das klingt völlig plausibel, wenn Wendla mit der Mutter über die Frage „lieber Prinzessinnenkleidchen oder langer Rock“ diskutiert und Magdalena Neuhaus die 14-Jährige überhaupt so selbstverständlich wie jugendlich resolut rüberbringt. Und man spürt die fragend ironische Distanz, wenn Martin Borkert und noch mehr Simon Heinle den düsteren Moritz und den gewitzten Melchior im Gespräch um Mädchen, Moral und pubertär verklemmte Fantasien kreisen lassen, die Sätze sehr fein abschmeckend.

Auch die Nebenfiguren lassen sich als unterschiedliche Produkte der Erziehung mit der Gegenwart abgleichen: Jennifer Böhms zwischen Angst und Lust auf Leben schwankende Martha und die prekäre Ilse (Isabel Baumert), die sich der elterlichen Kontrolle ins Straßenleben entzogen hat. Die Jungs haben es leichter: Rudi Hindenburg und Marius Borghoff kommen als entspannt schwules Pärchen einfach davon.

Katrin Lindner zeigt weniger die Figuren von damals, sondern wie sie uns heute vorkommen: Auch die Erwachsenen erscheinen mit ihren Pelzpelerinen und langen Kleidern (Kostüme: Julia Kneusels) als Karikaturen wie der Arzt (Siegfried Jacobs) und Rektor Sonnenstich, den Zacharias Preen als schulischen Zuchtmeister parodiert. Oder als Prototypen: Wendlas überbesorgte Mutter, die Ellen Dorn tragikomisch im Unaussprechlichen verheddert. Die eigentlich liberale, warmherzige Frau Gabor, die Agnes Richter in einem starken Auftritt in ihrer ganzen Gespaltenheit und Brüchigkeit zeigt. Mitleidlos daneben die Väter: Gabor (Christian Kämpfer), der Melchior nur noch in der „Korrektionsanstalt“ sieht; Stiefel (Marko Gebbert), der bei Moritz‘ Begräbnis nicht müde wird, den toten Sohn zu verleugnen.

Der steht am Ende als Gespenst wieder im Raum, den weggeschossenen Kopf unterm Arm, und schachert mit dem Vermummten (angenehm verhalten: Almuth Schmidt) um Melchiors Überleben.

Das ergibt knapp kühle, hell ausgeleuchtete Szenen, beispielhaft wie im Diorama oder im Lehrfilm. Dabei macht die Künstlichkeit der Inszenierung die Ferne und – manchmal - auch die Nähe der pubertären Verirrungen 1890 sichtbar. So bleibt Frühlings Erwachen ein Museumsstück, aber Katrin Lindner hat einen klugen Weg gefunden, genau danach zu fragen.

Schauspiel Kiel. Vorstellungen: 2., 4., 11., 16., 18. März, Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de 

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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