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Lola: Im Strudel des ewigen Wohlstands

Premiere im Landestheater Lola: Im Strudel des ewigen Wohlstands

Der Film Lola (1981) ist der zweite Teil von Rainer Werner Fassbinders hoch gelobter „BRD oder Wirtschaftswunder-Trilogie“ . Er ist in seiner ästhetischen Anlage der vielleicht grellste Film des Meisters und verfügt trotz seiner tragisch resignierenden Anlage einen für Fassbinder ungewöhnlichen Humor. Zur Spielzeiteröffnung feierte die Theaterfassung des Stoffes am Sonnabend im Landestheater Rendsburg Premiere.

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 "Lola", Satire von Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder, hier mit den Darstellern Katrin Schlomm und Stefan Hufschmidt.

Quelle: Henrik Matzen

Rendsburg. Bevor das bunte Treiben auf der Bühne beginnt, verschließt der Eiserne Vorhang, jene undurchdringliche Brandschutzmaßnahme, den Blick auf die Szene. Kalt, grau, hässlich. Kurz darauf wird das metallene Ungetüm zur Projektionsfläche für schwarz-weiße Kriegs- und Nachkriegsbilder, für Aufnahmen von Soldaten, Feuergefechten und Flüchtlingsströmen. Durch diese eindringlich skizzierten historischen und soziologischen Hintergründe gelingt Regisseurin Angelika Zacek ein überaus gelungener Einstieg in das trück. Deutliche aktuelle Bezüge inklusive.

Und dann wird es knallig. Der eiserne Vorhang verschwindet und macht Platz für den lila-rot funkelnden Glitzervorhang des örtlichen Bordells einer Kleinstadt im Nachkriegsdeutschland der 

so genannten fetten Jahre während der Adenauer Ära. Der  (Farb-) Dramaturgie Fassbinders verpflichtet, geben sich Regie und Ausstattung (Martin Fischer) große Mühe, den Zuschauer mitten reinplumpsen zu lassen in diesen schwül dekadenten Sündenpfuhl, in dem die Kundschaft beinahe verzweifelt nach Zerstreuung sucht. Rot steht für Liebe, Leidenschaft und Sex;  blau für Macht, Kalkül und Materialismus. Die Prostituierte Lola, zwischen Dominanz und Zerbrechlichkeit, Unschuld und Verderbtheit ganz wunderbar verkörpert von Katrin Schlomm, ist hier der Star. Und das großzügig finanzierte Eigentum des korrupten Bauunternehmers Schuckert (raumgreifend und mit viel Feuer unterm Kessel dargestellt von Stefan Hufschmidt). Der wirft die lüstern glänzende Stirn in Falten, als der scheinbar unbestechliche Baudezernent von Bohm (von René Rollin als zuweilen hyperventilierenden aber in seinen Prinzipien gefangenen und am Ende schwachen Politiker angelegt) seinen Dienst antritt. Um seine zwielichtigen Machenschaften zu sichern, setzt Schuckert Lola auf von Bohm an. Doch obwohl sich tatsächlich eine vorsichtig-zärtliche Liaison zwischen dem Beamten und der Hure entwickelt, geht Schuckerts Plan am Ende auf. Eine sich stets um sich selbst drehende, offenbar nur auf Lust, materiellen Gewinn und wachsenden Wohlstand bedachte Welt zieht alles und jeden in ihren Strudel.

Zacek legt großen Wert auf das Parabelhafte dieser Farce nach dem Drehbuch von Peter Märtesheimer und Pea Fröhlich. 50er Jahre Schlager vom Band und Live Musik von der „Puffband“ (Dietrich Bartsch, Jonas vom Ode) erzeugen mächtig viel Zeitkolorit und künden von den verstörend naiven Sehnsüchte dieser Jahre. Abgesehen von Lola bleiben die Figuren trotz angekratzter Oberfläche holzschnittartig und sollen es wohl auch sein. Dennoch: Der Abend unterhält, und deswegen durfte sich ein blendend aufgelegtes Ensemble, dem in Mehrfachrollen auch Ingeborg Losch, Christian Simon, Johannes Lachenmeier und Manja Haueis ihren Stempel aufdrückten, am Ende über stehende Ovationen freuen.  

Vorstellungen: 10.9., Stadttheater Heide, 20 Uhr; 12.9., Stadttheater Rendsburg;  19.9., Slesvighus Schleswig; 24.9. Stadttheater Flensburg; 30.9. Theater Itzehoe (jeweils um 19.30 Uhr). Weitere Vorstellungen: www.sh-landestheater.de       

           

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