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Gott in der Maschine

Premiere im Opernhaus Kiel Gott in der Maschine

Mit einer durch ihre Klarheit überzeugenden Inszenierung von Philip Glass’ Taschenoper In der Strafkolonie gelang Julia Anslik am Montagabend im Rangfoyer des Kieler Opernhauses ein starker Regie-Einstand. Auch musikalisch geriet die deutschsprachige Erstaufführung des Werks zu einer faszinierenden Herausforderung für alle Beteiligten.

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Einführung in die Hinrichtungsmaschinerie: Tobias Peschanel (der Offizier, rechts) und Matthew Peña (der Besucher).

Quelle: Struck

Kiel. Bevor sich der Besucher in seinem weißen Anzug der Maschine nähert, schaut er ins Publikum. Sein Blick scheint ebenso wie der zwischen den Stuhlreihen verlaufende Bohlenweg zur Bühne klarzumachen, dass im Laufe der folgenden anderthalb Stunden niemand unbeteiligt bleiben kann. Seine eigenen Versuche, sich einer eindeutigen Meinung gegenüber des unheilvoll-unauffällig thronenden Hinrichtungsapparats im Zentrum des Geschehens zu enthalten, bilden somit indirekt auch Anfragen an die Moral der Gäste der deutschsprachigen Erstaufführung von Philip Glass’ Oper In der Strafkolonie.

Der Reiz, dem tönenden Kammerspiel durch die Rückübertragung des englischen Librettos ins Deutsche eine größere Nähe zu Franz Kafkas titelgebender Erzählung zu ermöglichen, erschließt sich unmittelbar. Nicht nur kann sich die Sprachschönheit des Originals dabei ungemindert offenbaren. Es zeigt sich überdies, wie musikalisch Kafka schrieb. All das kommt dem großen Dialog zwischen dem Besucher und dem Offizier zugute, den Glass konsequent zwischen Rezitativ und Arie angesiedelt hat. Mit verdichtetem, oft eher im Metall als im Schmelz wurzelndem Tenor gibt Matthew Pena dabei den Besucher der Strafkolonie, der darstellerisch wie sängerisch umso emotionaler agiert, je stärker er Neutralität für sich zu reklamieren versucht. Dieser Ansatz überzeugt ebenso wie der Mut des in Kiel bereits als Gastone bekannten Pena, stimmlich dabei auch an und über Grenzen zu gehen. Und er bildet einen schönen Gegensatz zu Tobias Pechanels kraftvollem und balanciertem Bariton, der als Offizier seine Hingabe an die vom alten Kommandanten entwickelte und von seinem Nachfolger infrage gestellte Maschine sanft und sorgsam offenbart.

Julia Anslik lässt das Duo zwischen braunen Sandsackdämmen, durchsichtigen Vorhängen und technisch wirkenden Metallrahmen agieren (Bühne: Marie Rosenbusch) agieren. Kafkas Maschine selbst wirkt wie ein hölzernes Zwischending aus Sarg und Zauberkasten und steht ebenso wie die Uniformen (Kostüme: Silja Oestmann) des Offiziers sowie des still und stoisch wirkenden Verurteilten (Werner Frerichs) und seines Bewachers (Kai Dongowski) sowohl für Patina als auch für Unvergänglichkeit.

Durch ihren auf allzu eindeutige Bezüge verzichtenden Ansatz harmoniert Anslicks Inszenierung gut mit der Gestalt der ursprünglichen Erzählung, die ebenfalls mehr Fragen stellt, als sie beantwortet. Außerdem kann sich in diesem klaren, von stimmigen Farbspielen flankierten (Lichtgestaltung: Martin Buro) Setting die erstaunliche Vielförmigkeit der Musik ausgezeichnet entfalten. Denn auch Bettina Rohrbeck setzt Philip Glass’ hier alles andere als minimal wirkenden Minimalismus gemeinsam mit Katharina Hoffmann und Maximilian Lohse (Violinen), Atsuko Matsuzaki (Viola), Frauke Rottler-Viain (Cello) sowie Heiko Maschmann (Kontrabass) eindrucksvoll nuanciert um. So gerät dieses couragierte Projekt zu einer stimmig gemeisterten Herausforderung, die berechtigt in großen Applaus mündet.

Weitere Aufführungen am 4. und 18. Mai. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Erstaufführung in Kiel
Foto: Die Regissuerin Julia Anslik und die Dirigentin Bettina Rohrbeck (re.).

Im Opernhaus zieht dieser Tage mit Macht die ganze Welt der Moderne ein. Während auf der großen Bühne die japanische Hosokawa-Oper Matsukaze geprobt wird, erlebt am 27. April im Rangfoyer eine Kammeroper des Amerikaners Philipp Glass ihre deutschsprachige Erstaufführung.

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