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Mit viel Pfeffer im Anzug

Musical „My Fair Lady“ in Kiel Mit viel Pfeffer im Anzug

Das Rennen zwischen Mann und Weib ist immer noch nicht entscheiden. Das suggeriert uns die überaus gekonnt abschnurrende Neuproduktion des unverbraucht köstlichen Musical-Hits My Fair Lady am Kieler Opernhaus. Das Premierenpublikum reagierte begeistert.

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Der Sprachforscher Prof. Henry Higgins (Jörg Sabrowski, rechts) begegnet dem frei Schnauze brabbelnden Blumenmädchen Eliza Doolittle (Lesia Mackowycz, links).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Wer die Hosen anhat und wer nur den Pantoffelhelden geben darf, ist eine alte, aber wohl ewig gültige Frage menschlicher Zweisamkeit. Schon der weise Sokrates hatte diesbezüglich ein Epos von seiner Xanthippe zu singen. Auch beinahe zweieinhalbtausend Jahre später, in den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, war das Rennen zwischen Mann und Weib noch immer nicht entscheiden. Das suggeriert uns die überaus gekonnt abschnurrende Neuproduktion des unverbraucht köstlichen Musical-Hits My Fair Lady am Kieler Opernhaus.

 Die rotzfreche Blümchengöre Eliza ist als Dame eigentlich ein Kunstprodukt der versnobten Männerfantasien von Professor Higgins und seinem aufgeplusterten Adlatus Oberst Pickering (Fred Hoffmann). Wenn der knorrige Hausherr aber schließlich einen Befehl an die nach erfolgreicher „Ausbildung“ kaltherzig Fallengelassene und dennoch in Zuneigung Zurückgekehrte herausschleudert, verschränkt sie demonstrativ die Arme. Der Vorhang fällt. Alle Fragen bleiben offen. Zumindest ein Hauch von Emanzipation weht dabei über die Rampe. Damit hätte wohl auch George Bernhard Shaw leben können, dessen zynische Komödie Pygmalion Textgrundlage des Musicals von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner war.

 Die Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit bereichert und belastet den Broadway-Kracher über solche Andeutungen hinaus nicht mit szenischen Ausrufezeichen, sondern setzt lieber mit leichter Hand die Theatermaschinerie in Schwung. Auf der rotierenden Drehbühne genügen dafür ein von Hans Kudlich gebautes Treppengerüst, eine Kneipentür, eine Sehnsuchtslaterne, ein bisschen Saloninventar und ein paar projezierte Nachkriegspolaroids aus London. Gabriele Heimann und Silja Oestmann sorgen für das zugehörige Kostümfest – Hut ab für die entsprechende Parade in Ascot!

 Ludigkeit choreografiert die Massen von Haupt- und (durchweg amüsant besetzten) Nebenfiguren so geschickt, dass es die pure Freude ist. Wenn dann noch eine genretaugliche Rampensau wie Rudi Reschke den Alltagsphilosophen Alfred, Elizas tresenfreudigen Vater, derart perfekt wirbeln, tanzen und singen lässt, kann weiterer Pfeffer getrost im Streuer bleiben – den haben längst alle im Anzug. Lesia Mackowycz versieht die Eliza mit aufstampfender Leidenschaftlichkeit, quasselt in der Textfassung von Robert Gilbert ein gossentaugliches Berlinisch mit kanadischem Holzfälleranteil daher, übersteht die unwürdige Sprachschule in würdigem Stolz – und verwandelt sich glaubhaft gesellschaftsfähig. Temperament prägt ihr Singen. Und sie wagt auch die leisen Töne. Dadurch gewinnen Evergreens wie Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht noch an Ausstrahlung.

 Ach, würde sie doch den liebenswerten Schwärmer Freddy erhören, dessen Schmonzetten Michael Müller so herrlich herzbewegend ins recht gut ausgesteuerte Mikroport säuselt. Stattdessen reizt, so ist das Leben, die starke Persönlichkeit Eliza eine andere mehr: Higgins. Jörg Sabrowski hat alles, was die Figur braucht. Sprach- und tongewandt zirkelt er den Hochmütigen auf die Bretter: „Warum kann eine Frau nicht so sein wie – ich?“ Zum Glück ein egozentrischer Wunschtraum ...

 Besonders schön ist, dass der Gastdirigent Till Drömann am Pult der spritzig aufgelegten Kieler Philharmoniker zu alledem einen herrlich trockenen, nirgends schwülstigen oder filmmusikalisch aufgebauschten Musical-Stil in Tradition der guten alten Unterhaltungsorchester pflegt. Das perlt mächtig. Entsprechend begeistert reagiert das Publikum – Männer wie Frauen gleichermaßen, so scheint es.

  www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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