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"Fräulein Julie" unter Vögeln

Schauspielhaus Kiel "Fräulein Julie" unter Vögeln

Regisseur Johannes von Matuschka verkehrt die Ebenen in seiner kompakten Inszenierung von "Fräulein Julie" am Kieler Schauspielhaus um, kippt sie aus der Eindeutigkeit – und kommt dann doch wieder auf sie zurück.

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"Fräulein Julie" feierte Premiere im Kieler Schauspielhaus.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Wie schwarze Krähen hocken sie in luftiger Höhe, Jean, der Diener, und Kristin, die Köchin. Während untendrunter das Fräulein Julie über die Bühne schwirrt, sehnsüchtig, zierlich-fedrig im gelben Kleid, die Arme wie Flügel, als wäre sie ein Kolibiri oder mindestens der Zeisig, von dem sie sich später partout nicht trennen will. Nicht mal auf dem Weg in ein neues Leben.

Oben und unten, das war mal anders herum verteilt in der Gesellschaft August Strindbergs und seines Fräulein Julie, das im gleichnamigen „naturalistischen Trauerspiel“ (1888) in der Hitze der Mittsommernacht erst die Standesautorität und dann sich selbst verliert. Regisseur Johannes von Matuschka verkehrt die Ebenen in seiner kompakten Inszenierung am Kieler Schauspielhaus um, kippt sie aus der Eindeutigkeit – und kommt dann doch wieder auf sie zurück.

Da platzt sie mitten in die Nestbauarbeiten von Kristin und Jean, das  vergnügungssüchtige Fräulein Julie, schnappt sich den Mann und zwitschert so unbedacht wie grausam daher: „Kristin kann sich doch einen andern suchen.“

Agnes Richter macht das wunderbar; sie lässt ihre Julie plustern, pfeifen, locken, immer auf dem feinen Grat zwischen übermütig und mutwillig. Nein, fein ist dieses Fräulein bestimmt nicht in seiner Gier nach Sex oder Leben, aber Agnes Richter spielt ihre Widersprüche aus, hält sie in der Schwebe zwischen offensiv, sprunghaft und verletztlich. Ob er Julie als Mann reizt, dieser Jean, den Felix Zimmer als Strichmännchen in den Raum hängt wie einen Schluck Wasser in der Kurve, ist gar nicht die Frage. Er ist eben da. Der Bote einer Sehnsucht, eines anderen Lebens. Und er spielt mit – erst zaudernd, devot und ein bisschen unverschämt, bald immer selbstbewusster, brutaler die Chance ergreifend. Gelegenheit macht Begehren – das ist schon bei Titania und Zettel in Shakespeares wildem Sommernachtstraum nicht anders.

Von Matuschka inszeniert ein Machtspiel, das im Walzertakt beginnt und von dort unauflöslich in Verführung und Verstrickung führt. Überwacht und unauffällig manipuliert von Kristin, die bei Strindberg einen gut Teil des Dramas verschläft, hier aber der Dibbuk ist auf den Schultern der anderen - und in Gestalt von Isabel Baumert eine furchterregende Glucke. Schließlich erweist sich ihre Vision vom Leben als sehr viel konkreter und gefestigter als die Traumgespinste der anderen. So flattern die Drei auf der Drehbühne umeinander wie Vögel im Käfig, verschlingen einander und belauern sich. Um, auf und unter der begehbaren Skulptur von Bühnenbildner Christoph Rufer, die hier quasi als Vogelstange fungiert, aber auch fatal einem überdimensionalen Hackbrett ähnelt – Überbleibsel aus der Küche, in der Strindberg sein Drama ansiedelt.

Manchmal nimmt es überhand mit der symbolistischen Vogelei, wie überhaupt der Hang zur Verdeutlichung im zusätzlichen Live-Video, der eifrigen Kletterei, den diversen Todesarten oder noch mehr Musik zuweilen überbordet. Und die Aufmerksamkeit vom gut getakteten Spiel des Ensembles abzieht.

Aber das Wogen und Schwanken, das Flatterhaft-Flüchtige der Worte und Gefühle, das August Strindberg abbildet und im Vorwort zu seinem Drama deutlich erklärt, übersetzt sich auch gut in die zeternd plusternde Balz, die Regisseur von Matuschka mit seinen Schauspielern anzettelt. Und Oben und Unten wechseln dabei fortlaufend die Stellung.

Irgendwann wird aus der Anmache Sex. Irgendwann fließt Blut. Irgendwann knallt das Fräulein heraus aus seiner Mittsommer-Fantasie mitten in die Wirklichkeit. Und die Verstrickung wird hier zum Komplott. So eindeutig hätte es gar nicht kommen müssen. Aber die Dienerschaft tanzt weiter, den Kopf in den Traumwolken von einem größeren Leben. Beinah, als wäre nichts gewesen.

Schauspielhaus Kiel. Vorstellungen: 8., 10., 15., 16., 17., 25. Juni. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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